Das Kolosseum in Rom – wann entstand es, und welchem Zweck diente es?

Der Grundstein zum Bau des Kolosseums wurde, so ist den Chroniken zu entnehmen, 72 n. Chr. von Kaiser Vespasian (*9/°79 n. Chr.) aus der Dynastie der Flavier gelegt.

Woher die drei Flavier-Kaiser (69 bis 96 n. Chr.) kamen

Die Flavier, eine Familie aus – wie man heute vielleicht sagen würde – dem ‚gehobenen Mittelstand‘, also zwar zu den damaligen Besserverdienenden gehörend und mit einigen Privilegien ausgestattet, die aber in der Rangfolge nach den ‚Princeps‘ (‚Erste‘) und den Senatoren erst an dritter Stelle rangierte.

Trotzdem, oder gerade deswegen, erfreute sich Vespasian (und nach ihm seine Söhne Titus und Domitian) großer Beliebtheit im Volk. Ganz sicher hat zu dieser Popularität auch die Errichtung des Amphitheaters beigetragen.

Das Bauprojekt

Als Baumaterial dienten Unmengen porösen Kalksteins (Travertin), Zementbindungen, Betonguss und Backsteine.

Die je 80 Bögen der drei übereinander gestalteten Arkadenreihen wurden von unten nach oben umrahmt, gegliedert und geschmückt von Pfeilern im toskanischen, ionischen und korinthischen Stil.

In den etwa zehn Jahren Bauzeit dieses kolossalen Bauwerks waren – wenig überraschend, aber nicht zu vergessen – ein Großaufgebot unterschiedlichster Gewerke beteiligt, wie beispielsweise Maurer, Beton- und Gerüstbauer, Zimmerleute, Stuckateure, Maler, Installateure sowie eine oder zwei Handvoll sonstiger Experten.

Im Todesjahr des Kaisers war das damals und noch heute größte Amphitheater der Welt so gut wie fertig. Mit drei Etagen. Aber, wie es heißt, wurde das gewaltige Bauwerk unter Titus (*39/°81), Vespasians Sohn und Nachfolger, um ein weiteres Geschoss aufgestockt.

Einweihungsparty

Ein Jahr später, im Jahr 80, waren auch diese Arbeiten weitestgehend abgeschlossen und dem zukünftigen Veranstaltungsort für ‚Brot und Spiele‘ wurde der Name ‚Flavisches Theater‘ gegeben.

Nun konnte gefeiert werden. Und zwar richtig. Die Eröffnungsfeierlichkeiten mit den unvermeidlichen Gladiatorenkämpfen, Hetzjagden wilder Tiere und sonstigem Eiapopeia sollen sich etwa über einhundert Tage hingezogen haben.

Nachrüstung

Es spricht dafür, dass die mit 188 Metern Länge, 156 Metern Breite und rund 50 Metern Höhe oval angelegte Arena nach dem Dahinscheiden des Titus von dessen Bruder und Nachfolger Kaiser Domitian (*51/°96) mit einigen zusätzlichen und speziellen Techniken – zum Beispiel einem

  • ausgeklügelten ‚Gänge-System‘ unterhalb des Bodens der Wettkampfstätte für Mensch und Tier,
  • Hebevorrichtungen (Flaschenzüge),
  • geheimen Klapptüren im Boden,
  • Räumen für allerlei Gerätschaften, die für die Vorführungen notwendig waren sowie für das das sich überwiegend aus
  • Sklaven und Straf- und Kriegsgefangenen zusammensetzende Gladiatorenkader –

sozusagen ‚getunt‘ wurde.

Risikominimierung

Bei all diesen Maßnahmen wurde der Sicherheitsaspekt keineswegs vernachlässigt.

Mit den Möglichkeiten, das Theater in kürzester Zeit sowohl mit Publikum zu füllen als auch im Fall des Falles wieder blitzartig leeren zu können, bräuchte sich das Kolosseum ganz sicher hinter den heutigen Stadien, ob Fußball oder anderes, nicht zu verstecken.

Ob allerdings die Kampfbahn jemals unter Wasser gesetzt wurde, um Seeschlachten nachzuspielen, ist nicht eindeutig nachzuweisen. Da bleiben Zweifel. Was aber wohl die mindestens 50.000 auf den Rängen platznehmenden Zuschauer nicht weiter enttäuscht zu haben schien.

Spiel, Spaß und Security

Man unterhielt sich königlich, während sich unten auf dem 86 Meter langen und 56 Meter breiten Kampfplatz Mensch gegen Mensch oder Mensch gegen Tier (u.a. Löwen, Bären, Tiger) ein brutales und blutiges Schlachtfest lieferten. Dabei ging es um Unterhaltung, Ablenkung und Kurzweil.

Mit dem Daumen rauf oder runter, konnte der geneigte Zuschauer über Tod oder Leben entscheiden. Egal, auf welchem Platz er saß.

Denn selbstverständlich war eine streng festgelegte Sitzordnung einzuhalten, für die bereits beim Betreten der Arena mit ihren achtzig Eingängen ein entsprechender Sicherheitsdienst (‚designator‘/‚Aufseher über die Sitzplätze‘) sorgte.

Sitzordnung

Eine außerordentlich diffizile Anordnung diverser Treppenhäuser, Korridore und Durchlässe führten in die verschiedenen Ränge.

Auf den in Stufen ansteigenden

  • Treppensitzen aus Marmor saßen die aller Ehren werten Bürger,
  • im VIP-Bereich der Kaiser, Senatoren, die Adeligen sowie die ‚vestalischen Jungfrauen‘,
  • ganz oben auf den billigen Plätzen die Plebs

und ganz, ganz oben im noch von Titus angefügten vierten Stock hatten

  • die Frauen ihre Stehplätze.

Dresscode

Das Publikum auf den Vorzugsplätzen unterlag, das ist heute nur noch selten der Fall, einer strikt einzuhaltenden Kleiderordnung. Jogginghose, hätte es sie seinerzeit schon gegeben, wäre uncool gewesen und hätte im günstigsten Fall den Platzverweis zur Folge gehabt. Ohne den guten Zwirn ging also nichts.

Wie haben schon Asterix und Obelix immer gesagt: ‚… die spinnen, die Römer …‘

Sei’s drum. So war es eben.

Koloss, Steinbruch, Wahrzeichen und Denkmal

Der Name Kolosseum, so wird angenommen, könnte sich von einer bis etwa ins 4. Jahrhundert hinein vor dem Amphitheater stehenden ‚Kolossal‘-Statue ableiten. Das war zu Beginn ein Standbild, das – dem ‚Koloss‘ von Rhodos nachempfunden – Kaiser Nero (*37/°68) darstellte. Nach dem Suizid dieses bis heute umstrittenen Kaisers wurde die Figur abgerissen, durch den Sonnengott Helios ersetzt und irgendwann zerstört. Wann genau und von wem scheint nicht überliefert zu sein.

Als der weströmische Kaiser Valentinian III. (*419/°455) etwa um 438 die Gladiatorenkämpfe verbot, die römische Bevölkerung bis ins sechste Jahrhundert hinein stark schrumpfte und um 523 n. Chr. das weströmische Reich zusammenbrach, verlor sich das Interesse an den Darbietungen des Kolosseums.

Zwei Erdbeben und die nicht artgemäße Nutzung – zum Beispiel als Steinbruch – in den folgenden Jahrhunderten beschleunigten den Zerfall bis, ja, bis Papst Benedikt XIV. (*1675/°1758) im 18. Jahrhundert dem Abbruch Einhalt gebot.

Heute ist das Kolosseum ein vielbesuchtes Wahrzeichen Roms und ein Mahn- bzw. Denkmal gegen die Todesstrafe.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Römisches Reich“ (Das farbige Life Bildsachbuch/rororo), „Rom“ (Richtig Reisen/DuMont Buchverlag Köln), „Das antike Italien aus der Luft“ (Anita Rieche/Gustav Lübbe Verlag), „Concerto Romano“ (Reinhard Raffalt/Prestel Verlag)

 

 

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