Klassizismus – was bedeutet dieser Begriff?

Mit Klassizismus wird eine sich in den Jahren zwischen 1770 und etwa 1830/40 entfaltende Kunstrichtung in Baukunst, Bildhauerei und Malerei bezeichnet, die sich an den ohne schmückendes Beiwerk ausgekommenen Erscheinungsformen des klassischen Altertums orientierte. Außerhalb Europas läuft der Epochenbegriff ‚Klassizismus‘ bisweilen auch unter den Namen ‚Neu-/Neoklassizismus‘ oder ‚Neoklassik‘1.

Im Wandel begriffen

Wie schon Heraklit etwa fünfhundert Jahre v. Chr. gesagt haben soll: Alles fließt...

Eine Aussage, die wie nichts auch auf die sich über die Jahrhunderte ständig verändernden Stilepochen zutrifft. Waren die Menschen gestern noch begeistert von der Romanik, der Gotik, des Barock oder des Rokoko, lag in den Jahren zwischen 1770 und 1830/40 der so genannte Klassizismus voll im Trend.

Eigenschaften

Eine Kunstform, die im besten Sinne in der makel- und zeitlosen Formvollendung der griechisch-römischen Antike sowie in der italienischen Renaissance ihren Ausdruck fand.

Gegen Ende des 18. Jhs. hatte man, wie es scheint, genug vom überladenen und verschnörkelten Stil des Barock und des Rokoko. Schlichtheit und Klarheit in Architektur und Malerei waren wieder angesagt. Trendy waren geradlinige geometrische Formen (z.B.: Dreieck, Kreis, Quadrat, Rechteck).

Frankreich

So stand der Klassizismus gewissermaßen unter der Herrschaft des französischen Königs Ludwigs XVI. (*1754/°1793)hoch im Kurs‘, nach dem diese Epoche in Frankreich auch ‚Louis-seize‘ genannt wurde/wird.

Ab etwa 1790 war es Napoleon Bonaparte (*1769/°1821), der diese Kunstform im Zuge seiner nicht abreißenden Militäraktionen innerhalb Westeuropas weitergetragen und populär gemacht hat.

Jacques Louis David (*1748/°1825)

Ein kurz vor Ausbruch der Französischen Revolution von König Ludwig XVI. 1785 beispielsweise an den Maler

  • Jacques Louis David in Auftrag gegebenes Bild mit dem Titel ‚Der Schwur der Horatier‘ hängt heute im ‚Musée du Louvre‘/Paris,
  • ein anderes von 1787 – ‚Sokrates, den Giftbecher trinkend‘ – im ‚Metropolitan Museum of Art‘ in New York
  • und sein wohl berühmtestes Gemälde ‚Der Tod des Marat‘, 1793 vom Nationalkonvent geordert, findet der geneigte Betrachter seit 1893 im ‚Königlichen Museum‘/Brüssel.

Und dann gibt es von Jacques Louis David – unter anderen – noch:

  • ‚Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste‘, heute in der National Gallery of Art‘ in Washington D.C. sowie – gleich in fünf Versionen –
  • ‚Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen St. Bernhard‘,

verteilt und jeweils zu bewundern im

  • Schloss Malmaison/nahe Paris,
  • im Schloss Charlottenburg/Berlin,
  • in der Österreichischen Galerie Belvedere und
  • zwei Mal im Schloss Versailles bei Paris.

Ein im ‚Louis-seize‘-Stil entworfener Raum, das ‚Petit Appartement de la Reine‘ (‚Cabinet doré‘/‚Goldenes Kabinett‘), ist, beispielgebend, im Schloss Versailles zu besichtigen und, wenn man schon mal in der Gegend ist, bietet sich auch ein Besuch des vom Architekten Francois-Joseph Bélanger (*1744/°1818) 1777 für den Grafen von Artois, den späteren französischen König Karl/Charles X. (*1757/°1836), umgestaltete Schloss Bagatelle in Paris an.

Eine Auswahl,

stellvertretend für die große Bandbreite weiterer Künstler und deren Werke sowohl vor, während und nach der Zeit Napoleonszum Beispiel:

Architektur

  • Das ‚Panthéon‘/Paris (Jacques-Germain Soufflot/ errichtet 1764-1790),
  • die Pfarrkirche ‚La Madeleine‘/Paris (Pierre Contant d’Ivry/mit Unterbrechungen erstellt 1764-1842),
  • der ‚Arc de Triomphe de l’Étoile‘/Paris (Jean-Francois Chalgrin und Héricart de Thury/ hochgezogen 1806-1836),
  • der ‚Alexanderpalast‘/Puschkin nahe St. Petersburg (Giacomo Quarenghi/ erbaut 1792-1796),
  • die ‚Admiralität‘/St. Petersburg (Andrejan Dmitrijewitsch Sacharow/1732-1738 und Iwan Kusmitsch Korobow/1806-1823),
  • das ‚Schloss Wilhelmshöhe‘/Kassel (Simon Louis du Ry und Heinrich Christoph Jussow/1786-1798),
  • die ‚Glypthotek‘/München (Leo von Klenze/1816-1830),
  • das ‚Schloss Charlottenhof‘/Potsdam (Karl Friedrich Schinkel/1826-1829),
  • das ‚Schauspielhaus am Gendarmenmarkt‘/Berlin (Karl Friedrich Schinkel/errichtet 1819-1821),
  • das ‚Brandenburger Tor‘/Berlin (Carl Gotthard Langhans/1788 bis 1793),
  • das ‚Weiße Haus‘/Washington D.C. (James Hoban/1819-1825),
  • das ‚Britische Museum‘/London (Robert Smirke/1823-1848) und

Malerei und Bildhauerei

  • Joseph-Marie Vien (‚Die tugendhafte Athenerin‘ – 1762/Musée des Beaux-Arts Straßburg),
  • Jean-Baptiste Regnault (‚Die Freiheit oder der Tod‘ – 1795/Hamburger Kunsthalle),
  • José de Madrazo y Agudo (‚Der Tod des Viriathus‘ – 1807/Prado Madrid),
  • Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (‚Goethe in der Campagna‘ – 1786-87/Städelsches Kunstinstitut Frankfurt),
  • Leo von Klenze (‚Idealansicht der Akropolis von Athen – 1846/Neue Pinakothek München),
  • Johann Gottfried Schadow (‚Quadriga‘ -  1793/auf dem Brandenburger Tor in Berlin),
  • Bertel Thorvaldsen (1839/Schillerdenkmal in Stuttgart),
  • Giuseppe de Fabris (‚Kolossalstatue des Hl. Petrus‘ – 1838-40/Petersplatz in Rom) …

...na, und so weiter und so fort.2

PS

1 Die weiter oben genannten Begriffsbestimmungen ‚Neu-/Neoklassizismus‘ oder ‚Neoklassik‘ sind getrennt von der Wiedergeburt einer neoklassischen Stilrichtung zum Auftakt des 20. Jahrhunderts zu sehen.

2 Um hier noch einmal Heraklit von Ephesos zu zitieren: Der soll seinem ‚…alles fließt‘/‚panta rhei‘ vermutlich noch ein ‚…nichts bleibt‘/‚ouden menei‘ hinzugefügt haben.

Ähnlich verhält es sich mit Stilepochen. Da bleibt ebenfalls nie etwas lange 'en vogue'. So, wie sich jeweils Denkweise, Lebensart und Zeitgeist wandeln, gab/gibt es sogar parallellaufende Kunstrichtungen. Im 19. Jahrhundert waren das – abgesehen vom Klassizismus – zum Beispiel Romantik, Biedermeier, Realismus und Historismus. Nun denn …

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Paris“ und „Versailles und Fontainebleau“ (beide: B. Champigneulle/Prestel-Verlag), „Louvre, der Besuch“ (Katalog), „Deutsche Geschichte 1618-1815 und 1815-1918“ (Bertelsmann Lexikon Verlag)

 

 

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