‚Biedermeier‘ – was ist das?

Unter dem Begriff ‚Biedermeier‘ ist eine deutsche Kunst- und Kulturepoche zu verstehen, die, wo auch immer man darüber hört, liest oder spricht, ziemlich exakt in der Zeit von 1815 bis 1848 eingeordnet wird. Vergleichsweise zeitgleich gab es da noch – zum Beispiel – die Stilrichtungen Klassizismus von etwa 1715 bis 1830 und die Romantik, die ab circa 1790 bis 1840 eingeordnet wird.

Was alles geschah

  • Die chaotischen Zustände während und nach der Französischen Revolution,
  • die von Napoleon initiierte territoriale Neuordnung des Flickenteppichs ‚Deutschlands‘ (Reichsdeputationshauptschluss/1803),
  • die Bildung des napoleonfreundlichen Rheinbundes 1805,
  • das Ende des ‚Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation‘ 1806,
  • die Befreiungskriege 1813 bis 1815 (mit der für Napoleon verlorengegangenen Völkerschlacht bei Leipzig im Herbst 1813) sowie der
  • ‚Wiener Kongress‘ (1814/15) mit abschließender Bildung des so genannten ‚Deutschen Bundes‘ im Juni 1815, eines Staatenbundes bestehend aus 35 Fürstenstaaten und vier freien Städten,

hatten mutmaßlich die Menschen nachhaltig gestresst und zermürbt, das heißt, die Nerven lagen blank.

Alles auf Anfang

Eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit machte sich breit. Alles sollte möglichst wieder so sein, wie es vor diesen dramatischen Konflikten mit ihren, die Menschen belastenden und nervenden Widrigkeiten gewesen war.

Es ging also gewissermaßen um die Wiederherstellung der politischen Verhältnisse vor der Französischen Revolution.

Während für die politisch angestrebte Neuordnung bis zur ‚Julirevolution 1830 in Paris‘ bzw. ‚Märzrevolution 1848/49‘ innerhalb der Konföderation des ‚Deutschen Bundes‘ der Begriff ‚Restauration‘ geprägt wurde, wurde die Bezeichnung ‚Biedermeier‘ – sozusagen als synchron zur ‚Restauration‘ verlaufenden Stilepoche – erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär.

Und das hauptsächlich in Bezug auf bildende Kunst, Literatur, Musik, Mode, der Innenausstattung der Wohnungen (z.B. Möbel) sowie – zwar weniger, aber auch – auf die Architektur.

Die Repräsentanten dieser Kunstgenres brachten in ihren Werken haargenau die Befindlichkeiten der Menschen auf den Punkt. Also den Wunsch, nach all dem Schrecken der zurückliegenden Kriege einhergehend mit einer beispiellos kräfteverschleißenden Ungewissheit, was noch alles auf sie, die Untertanen, zukommen könnte, endlich wieder nur in Frieden und Ruhe leben zu wollen.

Daheim ist es am schönsten

Dieses Ruhebedürfnis war gekennzeichnet durch den Rückzug in die eigenen vier Wände, egal, wie groß die auch immer gewesen sein mögen. Hatten sich die Unterprivilegierten – Haus- und Kindermädchen, Köchinnen, Knechte, Diener, Kutscher und andere – um Wasch-, Putz-, Wisch- sowie Näh- und Flicktage zu kümmern, gingen die Begüterten ihren Neigungen nach. Es wurde musiziert, gelesen und vorgelesen, gewerkelt, in gemütlichem Beisammensein gut und gern getafelt und freudig in der Natur spazieren gegangen.

Die von den Fürsten des ‚Deutschen Bundes‘ mit allem Pipapo verfügte Bespitzelung, eingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit und sonstige Schikanen waren, wie es sich darstellte, dem gemeinen Bürger scheinbar schnurzpiepe. Sie ließen sich dadurch nicht um den Schlaf bringen.

Er, der Bürger, so könnte es zusammengefasst werden, lebte demnach so nach dem Motto: Trautes Heim, Glück allein.

Kennt man noch das gut einhundert Jahre alte ‚Darmol-Männchen‘, ein Typ im Schlafanzug, mit Zipfelmütze, Kerzenleuchter und Papier unterm Arm auf dem dringenden Weg zur Toilette, bekommt man eine ungefähre Vorstellung des oft in Karikaturen und Genrebildern dargestellten Biedermanns.

Führende Vertreter und Wortführer der schönen Künste

So wurde der kleinbürgerlichen, adretten und beschaulichen Lebensart

1. in der Malerei zum Beispiel von

  • Carl Spitzweg (*1808/°1885) aus Bayern,
  • den Österreichern Albert Schindler (*1805/°1865) und Moritz von Schwind (*1804/°1871),
  • Ludwig Most (*1807/°1883) aus Pommern,
  • Ludwig Richter (*1803/°1884) aus Dresden

eine gebührende Bedeutung gegeben.

2. In der Musik animierten gewiss

  • Robert Schumann (*1810/°1856),
  • Franz Schubert (*1797/°1828),
  • Johannes Strauß Vater (*1804/°1849) und/oder
  • Franz Liszt (*1811/°1886)

zu Hausmusik mit ‚Wein, Weib und Gesang‘ und – wenn nicht geschmettert oder geträllert wurde – las man möglicherweise aus dem

3. literarischen Fundus der Dichter und Dramatiker

  • Franz Grillparzers (*1791/°1872),
  • Annette von Droste-Hülshoffs (*1797/°1848),
  • Johann Nestroys (*1801/°1862) oder
  • Adalbert Stifters (*1805/°1868).

4. Obwohl in der Architektur die Kunstrichtungen Klassizismus, Romantik und Biedermeier – sozusagen – ineinandergriffen, gilt aber dennoch der österreichische Architekt

  • Joseph Georg Kornhäusel (*1782/°1860)

als bedeutender Vertreter des Biedermeier. Zu betrachten beispielsweise am ‚Theater in der Josefstadt‘ in Wien.

Raumausstattung

Wenn man so will, schlug sich der Biedermeierstil im Wesentlichen im Design der Innendekoration nieder.

Im Trend und dem Zeitgeist entsprechend waren Möbel.

Vitrinen, Tische, Sofas, Stühle und sonstige Kleinmöbel waren gekennzeichnet durch Schlichtheit, Eleganz, Zierlichkeit und Qualität in der Auswahl des Holzes sowie der handwerklichen Verarbeitung. Großen Anteil an Entwürfen und Fertigung von Biedermeiermöbeln hatten – unter anderen –

  • Karl  Friedrich Schinkel (*1781/°1841) und,

was die Stühle angeht, ganz besonders der aus Rheinland-Pfalz stammende Kunsttischler

  • Michael Thonet (*1796/°1871),

dessen Stuhlkreationen nicht unbedingt billig, aber dafür ihren Preis wert waren und sind. Noch heute stehen sie nicht nur in dem einen oder anderen Museum, sondern erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit.

Kleidermode

Zur breiten Palette des seinerzeit angesagten Outfits sollte man sich – sofern die Möglichkeit besteht oder es überhaupt gewollt sein sollte – den Film ‚Kleider machen Leute‘ (nach Gottfried Kellers gleichnamigem Roman) anschauen. Der ist zwar uralt, aber mit Heinz Rühmann, Hertha Feiler, Erich Ponto und 1940 immerhin unter der Regie von Helmut Käutner gedreht. Darin, in diesem Film, ist die Mode der Biedermeierzeit auf augenfällige Weise dargestellt.

Oder auch im Leinwandstreifen ‚Das tanzende Herz‘ von 1953. Unter andern mit Harald Juhnke.

PS1

Der Begriff ‚Biedermeier‘ geht zurück auf die fiktive Figur des biederen, spießigen Dorfschullehrers ‚Gottlieb Biedermeier‘, den ein gewisser und mit Humor ausgestatteter Gedichtschreiber namens Ludwig Eichrodt (*1827/°1892) kreiert hatte.

PS2

Mit dem Begriff ‚Vormärz‘ wird in der Regel der Zeitraum von der so genannten ‚Julirevolution 1830 in Frankreich/Paris‘ bis zur ‚Märzrevolution 1848/49‘ (auch: ‚Deutsche Revolution‘) auf dem Terrain des ‚Deutschen Bundes‘ bezeichnet. Dabei ging es – unter anderem – darum, worum es meistens geht:

  • Um Freiheit der Person,
  • um Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit,
  • Unverletzlichkeit des Brief- und Postgeheimnisses,
  • Freiheit von Kunst und Wissenschaft und im Besonderen – natürlich – um die
  • Beseitigung der in jener Zeit vorherrschenden katastrophalen sozialen Zustände.

Literarisch unterstützt wurden diese Forderungen zum Beispiel von Heinrich Heine (*1797/°1856 – u.a. aus den ‚Nachtgedanken‘: ‚Denk ich an Deutschland in der Nacht‘) und Georg Büchner (*1813/°1837 – u.a. ‚Dantons Tod‘).

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Deutsche Geschichte – 1815 bis 1918“ und „Wahrig – Deutsches Wörterbuch“ (Bertelsmann Lexikon Verlag), „Staatsbürger Taschenbuch“ (Verlag C.H.Beck, 29. Auflage)

 

 

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