Hagen von Tronje – was ist das für ein Typ?

Hagen von Tronje – tough, beinhart, skrupel- und kompromisslos – wird im Nibelungenlied nicht zu Unrecht als zwielichtiger Schurke dargestellt.

 

Er ist so etwas wie die graue Eminenz, die im Hintergrund die Fäden zieht.

In durch nichts zu erschütternder treuer Ergebenheit gegenüber seinem König Gunther, trifft er in Wirklichkeit – als Berater und engster Vertrauter – alle wichtigen Entscheidungen. Hagen, der intrigante Spindoctor, lässt die drei mehr oder weniger farblosen Brüder Gunther, Gernot und Gieselher wie Marionetten nach seiner Pfeife tanzen.

Mit dem Auftauchen Siegfrieds am Wormser Hof seines Königs Gunther, sieht Hagen intuitiv eine Gefahr für die Stabilität des Burgunderreiches heraufziehen.

Aus Loyalität seinem Herrn gegenüber (möglicherweise auch aus Gründen eigener Machterhaltung) übernimmt er eiskalt die Ermordung Siegfrieds sowie später die Versenkung des Nibelungenschatzes im Rhein – womit er Kriemhild die finanziellen Möglichkeiten in der Verfolgung ihrer Rachegelüste zu nehmen glaubt.

Später, im 2. Teil der Sage, sieht Hagen den Untergang der Burgunder voraus.

Im Zuge der weiteren Handlung erschlägt er zwar noch Kriemhilds und Etzels gemeinsamen Sohn, wird aber schließlich und endlich von Kriemhild mit dem Schwert Siegfrieds selbst erschlagen.

Nach all diesem fürchterlichen Gemetzel stellt sich die berechtigte Frage:

War das tatsächlich alles rechtens?

Lässt sich Hagens Handeln aus Motiven, die in einer unsäglichen Machtbesessenheit begründet zu sein scheinen, eigentlich rechtfertigen?

Nun, durchaus möglich, dass das zur Zeit des Ritterkults im Mittelalter so gesehen werden konnte. Heutzutage ließe sich darüber trefflich streiten. Egal, was bleibt, ist, dass der potenzielle Leser der Nibelungensage diese Frage für sich zu entscheiden haben wird.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: Freiheit die ich meine – (Gerhard Herm/Benziger)

 

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