„Dem Volk auf´s Maul schauen“ – von wem stammt diese Aussage?

Diese Aussage soll – im Zusammenhang mit seiner Bibelübersetzung – von Martin Luther geprägt worden sein.

Wann und wo?

Unter weitestgehender Nichtberücksichtigung der so genannten „Vulgata“ (Bibel in lateinischer Sprache) übersetzte Martin Luther (*1483/°1546) das im Original auf Griechisch geschriebene „Neue Testament“ 1521/22 („Septembertestament“) auf der Wartburg; am seinerzeit in hebräischer Sprache vorliegenden „Alten Testament“ arbeitete er sich dann – unter anderen gemeinsam mit Philipp Melanchthon (*1497/°1560) – in den darauf folgenden zwölf Jahren in Wittenberg ab.

Schließlich wurde die erste Gesamtausgabe („Lutherbibel“) im Oktober 1534 auf der Leipziger Michaelismesse vorgestellt.

Rückblende

Wie bekannt, wurde Martin Luther in den ersten drei Monaten des Jahres 1521 sowohl von Papst Leo X. (*1475/°Dezember 1521) exkommuniziert, als auch im Zuge des Reichstags zu Worms von Kaiser Karl V. (*1500/°1558) mit der Reichsacht belegt, also für „vogelfrei“ erklärt.

Um einer unmittelbaren Verfolgung irgendwelcher fieser Finger zu entgehen, bot ihm Friedrich (III.) der Weise von Sachsen (*1463/°1525) Schutz vor solch möglichen Mordbuben, das heißt, zwischen Mai 1521 und März 1522 nahm Martin Luther – inkognito als „Junker Jörg“ – Quartier auf der Wartburg bei Eisenach/Thüringen.

Hier, in einem karg eingerichteten Zimmer auf der Burg, übersetzte Luther in nur wenigen Wochen das „Neue Testament“ aus dem griechischen Original ins Deutsche – was auch immer unter einem seinerzeitigen „Deutsch“ zu verstehen war.

Babylonisches Sprachgewirr

Was es nämlich nicht gab, war eine gleichermaßen in Süd-, Mittel- und Norddeutschland von jedem gesprochene einheitliche, geschweige denn auch untereinander zu verstehende, Sprache. Eine über die Regionen hinausgehende Kommunikation war also stark eingeschränkt.

Lediglich die in Mitteldeutschland (unter anderem in Sachsen, Thüringen und Hessen) gesprochene so genannte „Kanzlei-/Schreibsprache“ bot die Chance, dass sich kaiserliche und/oder fürstliche Staatsbedienstete mit ihrem jeweiligen Gegenüber – auch aus Kirche und/oder Handel – sprachlich einigermaßen verständlich austauschen konnten.

Alltagssprache statt Kanzleideutsch

Diese „Kanzleisprache“ bedeutete auch für Luther die Basis seiner von ihm beabsichtigten Bibelübersetzung.

Da er allerdings schon bald merkte, dass er mit dieser ihm zur Verfügung stehenden Struktur an begriffliche Grenzen stieß, ließ er von einer wortgetreuen Übersetzung des Griechischen bzw. Hebräischen ab.

Vielmehr schaute er, wie es heißt, dem „Volk aufs Maul“,

  • verzichtete daraufhin in weiten Teilen auf den so genannten Kanzleistil,
  • übernahm stattdessen mit dem ihm eigenen ausgeprägten Formulierungsgeschick das Umgangssprachliche,
  • schuf somit nicht nur eine sprachgewaltige sowie allgemein verständliche Ausdrucksform,

sondern bildete damit gleichzeitig auch eine Plattform für das sich daraus im Folgenden entwickelnde Hochdeutsch.

Geflügelte Worte

Vielleicht in diesem Zusammenhang nicht ganz uninteressant, geben möglicherweise – zum Beispiel – die nachstehenden, seit langem in den Sprachgebrauch eingegangenen, dabei allerdings auf Martin Luthers Bibelübersetzung zurückzuführenden Redensarten und/oder Redewendungen einen gewissen Eindruck von Luthers Sprachgewandtheit und volksnaher Wortschöpfungen wider:

  • Hochmut kommt vor dem Fall (Sprüche 16,18),
  • Sündenbock (3. Mose 16,15),
  • mir geht ein Licht auf (Psalm 97,11),
  • der Mensch denkt und Gott lenkt (Sprüche 16,9),
  • den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf (Psalm 127,1),
  • die Letzten werden die Ersten sein (Matthäus 19,30),
  • wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Prediger 10,8),
  • jemandem einen Denkzettel verpassen (Matthäus 23,5),
  • durch Mark und Bein (Hebräer 4,12),
  • im Dunkeln tappen (5. Mose 28,29),
  • die Zeichen der Zeit erkennen (Matthäus 16,3),
  • seine Hände in Unschuld waschen (Matthäus 27,24/Psalm 26, 6-7),
  • wer´s glaubt, wird selig (Markus 16,16),
  • ein Herz und eine Seele sein (Apostelgeschichte 4,32) und
  • aus seinem Herzen keine Mördergrube machen (Matthäus 21,13) …

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten“ (Christian Nürnberger und Petra Gerster/Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart); „Luther – Der Mensch Martin Luther“ (Lyndal Roper/S. Fischer Verlag 2016); Exponat der Sonderausstellung: „Esel, Teufel, Schwein – Böse Seiten der Reformation“ des Brandenburg-Preußen Museums in Wustrau (25. März bis 24. September 2017)

 

 

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