Wann und warum wurden osteuropäische Christen orthodox?

Begonnen hatte alles – grundsätzlich und ganz allgemein betrachtet – mit der Ausbreitung der Lehre Christi nach dessen Kreuzigungstod.

Aus Jüngern werden Christen

War es unmittelbar nach diesem Ereignis nur eine zahlenmäßig bescheidene Gruppe der Jesu-Verehrer, die sich Jünger nannten, stieg die sich posthum bildende Gefolgschaft im Laufe der folgenden Jahre rapide an.

  • Dank der unermüdlichen Missionstätigkeit des Predigers Paulus, wurden aus den Jüngern zunehmend Christen,
  • die allerdings als vermeintliche Sekte des Judentums von den Römern – teils auch auf ausgesprochen unschöne Art – verfolgt,
  • ab 313 n. Chr. von Kaiser Konstantin dem Großen (*um 275/°337) zuerst toleriert und schließlich
  • 381 n. Chr. vom oströmischen Kaiser Theodosius I. (*347/°395) auf dem 1. Konzil von Konstantinopel zu Angehörigen einer (de facto) Staatsreligion erklärt wurden.

Papst vs. Patriarch

Während das Christentum sich nun als so genannte „lateinische Kirche“ ganz klar im Westen des Reiches – mit einem Papst in Rom als oberste religiöse Instanz an der Spitze – etablierte, mussten mit der Ausbreitung des christlichen Glaubens selbstredend auch im oströmisch-byzantischen Reich eine Reihe von Verwaltungsämtern gebildet werden.

Deren oberste Amtsinhaber nannten sich allerdings nicht Papst, sondern trugen – spätestens ab Mitte des 11. Jahrhunderts – den Titel „Patriarch“ (oder auch: "Metropolit"), und empfanden/empfinden sich im Rahmen der Orthodoxie als "Erster unter Gleichen".

Im Gegensatz zum Papst, der sich als direkter Nachfolger des Apostel Paulus sah/sieht, berief/beruft sich der Patriarch von Konstantinopel (zuvor: Byzanz/heute: Istanbul) dagegen auf den Apostel Andreas, der noch heute von orthodoxen Christen als erster Bischof von Konstantinopel verehrt wird.

Und dennoch, trotz dieser unterschiedlichen Begrifflichkeiten wurde der Bischof von Rom, der sich, wie gesagt, Papst nannte, durchaus über Jahrhunderte in seiner Funktion von beiden Seiten akzeptiert.

Vom Dissens zur Spaltung

Das ging nun, abgesehen von nicht ausbleibenden kleineren Streitigkeiten und Querelen, allerdings nur solange gut, bis, ja bis, wie es allenthalben heißt, die römisch-katholische Kirche 1054 („Morgenländisches Schisma“; Schisma = griechisch: „Trennung“/„Scheidung“) versuchte, ihren Alleinvertretungsanspruch auch im Osten durchzusetzen.

Dabei soll es im Wesentlichen um die Angelegenheit der Dreifaltigkeit gegangen sein.

Während die einen im Westen an „Vater, Sohn und Heiligem Geist“ festhielten, bestanden die anderen im byzantinischen Reich darauf, dass der „Heilige Geist“ allein dem „Vater“ zuzuordnen sei.

Letztlich führte diese Meinungsverschiedenheit zur Spaltung der Kirche in die „lateinische“/„römische“ Ausrichtung sowie in die „Orthodoxie byzantinischer Tradition“ oder – vermutlich wegen der seinerzeitigen Sprachunterschiede in Ost (Griechisch) und West (Latein) – auch „griechische Kirche“ genannt.

Was blieb?

Heute wird die katholische Kirche nach wie vor zentral von Rom (Vatikan) aus geleitet; die orthodoxe Kirche dagegen ist organisatorisch ein weitestgehend unabhängig agierender Verbund mehrerer Landeskirchen.

So gibt es – zum Beispiel – die russisch-, griechisch-, albanisch-apostolisch- oder die altorientalisch-orthodoxen Kirchen.

Bei all dem ist der Patriarch von Konstantinopel heute nicht nur Oberhaupt und Vorsitzender sämtlicher orthodoxen Christen in der Welt, sondern nennt sich gleichzeitig auch „Ökumenischer Patriarch“. In dieser Eigenschaft kümmert er sich im 1948 gegründeten „Ökumenischen Rat der Kirchen“ (ÖRK) auch beharrlich um die Einheit aller christlichen Kirchen.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: "Religionen der Welt - kompakt & visuell" (Philip Wilkinson/Dorling Kindersley Verlag)

 

 

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