Orthodoxie und Morgenländisches Schisma – was haben diese Begriffe gemein?

Unter dem Begriff ‚Morgenländisches Schisma‘ wird allgemeinhin die Glaubenstrennung der orthodoxen von der römisch-katholischen Kirche im Jahr 1054 in Konstantinopel verstanden. Die Bezeichnung ‚Orthodoxie‘ kommt aus dem Griechischen, bedeutet so viel wie ‚Recht- oder Strenggläubigkeit‘ und weckt, wenn man so will, Assoziationen zu ‚allein seligmachend‘ oder auch an ‚die Wahrheit für sich gepachtet zu haben‘.

 

Voraus bemerkt

Sie, die Orthodoxie, entwickelte sich mutmaßlich bereits vor diesem Datum im Osten des Römischen Reiches,

  • nahm wohl spätestens ab 330 n. Chr., als Kaiser Konstantin der Große (*etwa um 280?/°337) Byzanz zur Hauptstadt des Reiches erklärt und in Konstantinopel umbenannt hatte an Fahrt auf,
  • verfestigte sich vermutlich ab der in allen Geschichtsbüchern genannten ‚Reichsteilung‘ des ‚Imperium Romanum‘ von 395 in ein Ost- und Weströmisches Reich

und gipfelte schließlich – wie es heißt im Jahr 1054 ('Morgenländisches Schisma') – in der

  • Spaltung der Kirchen des byzantinischen (Ost-) Reiches von der römisch-katholischen (West-) Kirche.

Anzunehmen ist, dass während der Jahrhunderte – neben einer Neugestaltung politischer Strukturen und Konstellationen – grundsätzlich auch Sprache und Kultur unterschwellig ein Gutteil zu dieser gegenseitigen Entfremdung beigetragen haben. So wurde im byzantinisch orientierten Teil des Reiches mehrheitlich Griechisch gesprochen, im weströmischen Reichsteil dagegen Latein.

Man sprach also sozusagen aneinander vorbei.

Und, nicht zu vergessen, sorgten über die Jahrhunderte hinweg in Ost und West unerquickliche und gegenseitig nicht zu vereinbarende weltlich-politische Interessen für Streitigkeiten und Querelen. Oft ging es dabei in der Sache um im Grunde zu vernachlässigende und eigentlich nachrangige Fragestellungen nach Autorität, Prestige und Einfluss.

Überzeugungen sind schlicht nicht über Bord zu werfen

Aber damit nicht genug, verschlechterten sich obendrein die Kommunikation und damit eine langfristig möglicherweise für beide Kirchen wertvolle, förderliche und zuträgliche Wechselbeziehung.

So kam es – zum Beispiel – zu Differenzen in der Betrachtung des geistlichen Führungspersonals.

Die Päpste in Rom pochten zunehmend auf ihren (angeblichen) Alleinvertretungsanspruch aller Christen weltweit, also auch auf die Unterordnung der byzantinischen Kirche. Die sah das anders, lehnte dieses Ansinnen als ganz und gar unmöglich ab und hielt an ihren jeweiligen Patriarchen – zum Beispiel an denen von Konstantinopel, Alexandria oder Jerusalem – fest.

Zu dieser rigorosen Ablehnung des Unfehlbarkeits- und Herrschaftsanspruchs des so genannten ‚Heiligen Stuhls‘ in Rom, kamen noch einige weitere Kontroversen theologischen Ursprungs. Und obwohl die Orthodoxie grundsätzlich mit den Glaubenssätzen der römisch-katholischen Kirche ein gerüttelt Maß gemein hat, so lehnt(e) sie doch die These,

  • dass der ‚Heilige Geist‘ nicht nur von Gottvater, sondern auch vom Sohn (Jesus Christus) ausgeht, rundherum ab.

Ebenso – unter anderem – war/ist die

  • Lehrmeinung vom Fegefeuer,
  • der unbefleckten Empfängnis Marias oder die
  • Darreichung ungesäuerten Brotes beim Abendmahl (‚Eucharistie‘)

umstritten.

Alles in allem gesehen führte dieses Hickhack zu guter Letzt, also zur Mitte des 11. Jahrhunderts, zum – allerdings nicht amtlich bestätigten – Bruch beider Konfessionen.

Ein aus dem Rahmen fallendes Treffen

Diesem Vorgang vorausgegangen waren die von  Michael I. Kerularios (*um 1000/°1059, Patriarch von Konstantinopel) verfügte, aber letztlich unverständliche

  • Schließung diverser weströmisch geprägter Kirchen, in denen in lateinischer Sprache gepredigt wurde,
  • die infantil anmutende Zerstörungswut eines ergebenen Anhängers des Patriarchen in einem der römisch-katholischen Gebetshäuser

sowie – in summa summarum –

  • die Hetzschrift eines griechischen Erzbischofs gegen die Westkirche im Großen und Ganzen.

Obwohl ‚not amused‘, versuchte der vierte ‚deutsche‘ Papst, Leo IX. (*1002/°1054), die Wogen zu glätten und schickte eine knappe Handvoll Unterhändler nach Konstantinopel.

Aber, außer Spesen nichts gewesen. Das, man könnte durchaus sagen kindsköpfige Verhalten beider Parteien trug in keinster Weise zu einer Einigung bei. Das Treffen verlief sozusagen ergebnisoffen.

Man bezichtigte sich gegenseitig der Hartleibigkeit, Häresie und der jeweiligen Irrlehre der anderen Seite. Am Ende des Tages erreichte der Zwist seinen Höhepunkt in der beiderseitigen Exkommunikation. Sowohl des Patriarchen durch eine zuvor vom Papst legitimierte Weisungsbefugnis an seine Gesandten, als auch umgekehrt der römischen Verhandlungsführer durch den byzantinischen Kirchenmann Kerularios.

Schluss, aus, Ende

Die Angelegenheit mit den gegenseitigen Bannsprüchen verpuffte bald darauf sozusagen wie ein Feuerwerkskörper zu Sylvester. Papst Leo IX. verstarb vergleichsweise kurz nach diesem wenig geselligen Zusammentreffen; der Patriarch von Konstantinopel knappe fünf Jahre später. Und die in 1054 stattgefundene Episode wurde – so nach dem Motto: ‚Das Beste kommt zum Schluss‘ – schließlich 1965 zwischen Papst Paul VI. (*1897/°1978) und dem Patriarchen Athinagoras (*1886/°1972) auf dem ‚Zweiten Vatikanischen Konzil‘ endgültig ad acta gelegt.

Immer noch wird die katholische Kirche zentral von Rom (Vatikan) aus geleitet; die orthodoxe Kirche dagegen ist organisatorisch ein weitestgehend unabhängig agierender Verbund mehrerer Landeskirchen. Beispielsweise sind das die russisch-, griechisch-, koptisch-, syrisch-, äthiopisch- oder die altorientalisch-orthodoxen Kirchen.

Der Patriarch von Konstantinopel ist heute nicht nur Oberhaupt und Vorsitzender von etwa 350 Millionen orthodoxer Christen in der Welt, sondern ist als ‚Ökumenischer Patriarch‘ auch im 1948 in den Niederlanden gegründeten ‚Ökumenische Rat der Kirchen‘ (ÖRK) vertreten, der – schwierig, schwierig – eine Einigung und Zusammenarbeit aller Konfessionen anstrebt.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Byzanz“ (Das farbige Life Bildsachbuch – rororo), „Religionen der Welt“ (Philip Wilkinson/DK-kompakt & visuell), „Die fünf Weltreligionen“ (Helmuth von Glasenapp/Eugen Diederichs Verlag), „Byzanz“ (GeoEpoche Nr. 78/2016)

 

 

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