Was führte zur „Babylonischen Gefangenschaft" der Päpste in Avignon?

Wenn man so will, fing eigentlich alles mit Karl I. von Anjou (*1227/°1285) an.

Der betrieb – in weitestgehender Eintracht mit der Kurie – vehement die Vernichtung der Stauferdynastie.

Dafür wurde er von Papst Urban IV. (*um 1200/°1264) mit der Belehnung des Königreichs Sizilien belohnt – was in der Folge zu einer engen Bindung des Kirchenstaates zu Frankreich führte.

Diese guten Beziehungen wurden getrübt, als – zehn Päpste später – Papst Bonifatius VIII. (*1235/°1303) auf den französischen König Philipp IV., den „Schönen“ (*1268/°1314) traf. 

Steuern – und eine päpstliche Urkunde

Philipp, aufgrund seiner vielfältigen Aktivitäten finanziell ständig in den Miesen, hatte Bonifatius nachhaltig verprellt, indem er beabsichtigte, den französischen Klerus zu besteuern.

Ein Unding, dem der Papst 1302 mit seiner – den päpstlichen Machtanspruch ein für alle mal festzuschreibenden – Bulle („päpstliche Urkunde“), der so genannten „Unam sanctam“ sowie der Androhung des Kirchenbanns gegen den Franzosen begegnete. Hat aber nichts genutzt.

Ein Papst zieht den Kürzeren

Als Antwort darauf, initiierte Philipp 1303 das „Attentat von Anagni“ (Region Latium/Italien). Der Papst wurde

  • gefangengenommen,
  • aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit der sprichwörtlich „vornehmen, feinen englischen Art“ behandelt,
  • konnte aber von den ihm Wohl gesonnenen Bürgern Anagnis befreit werden,
  • floh nach Rom und
  • verstarb dort noch im selben Jahr.

Der Nachfolger, Papst Benedikt XI. (*1240/°1304), übte sein Pontifikat überwiegend von Perugia (Umbrien/Italien) aus, versuchte zwar, das gestörte Verhältnis zu Frankreich zu kitten, verstarb aber bereits nach gut acht Monaten in Perugia, wahrscheinlich an der Ruhr.

Babylonisches Exil der Päpste in Avignon

Mit dem französischen Papst Clemens V. (Pontifikat von 1305 bis 1314) und seiner Verlegung des Amtssitzes 1309 nach Avignon, begann sowohl die gut siebzigjährige so genannte „Babylonische Gefangenschaft“ (auch: „Babylonisches Exil“), als auch die totale Abhängigkeit der Päpste von der französischen Krone, die geschickt dafür Sorge trug, dass das Kardinalskollegium mit französischen Kandidaten bestückt wurde.

Auf Clemens V. folgten die Päpste:

  • Johannes XXII. (*um 1245/°1334), der den Einfluss französischer Kardinäle stärkte und die Politik Frankreichs gegen Deutschland unterstützte,
  • Benedikt XII. (*um 1285/°1342), der unter anderem den Bau des Papstpalast in Avignon förderte,
  • Clemens VI. (*um 1290/°1352), der Frankreich im Kampf gegen England bestärkte und sich für die Wahl des papstfreundlichen Kaisers Karl IV. (*1316/°1378; aus dem Geschlecht der Luxemburger; König von Böhmen, römisch-deutscher König und Kaiser ab 1355) stark machte,
  • Innozenz VI. (*1282/°1362), der sich mit der Restauration des Kirchenstaates beschäftigte,
  • Urban V. (*1310/°1370), der sich um die Wiederherstellung des Papsttums in Italien bemühte und schließlich
  • Papst Gregor XI. (*1329/°1378), der – mit der Billigung und Unterstützung Kaiser Karls IV. – 1376/77 wieder nach Rom zurückkehrte und damit die „Babylonische Gefangenschaft der Päpste in Avignon“ beendete.

Von Papst Urban VI. zu Papst Martin V.

Aber, damit nicht genug. Das Papsttum sollte nicht zur Ruhe kommen.

Bereits zwei Jahre später, 1378, begann – mit der umstrittenen Wahl Papst Urbans VI. (*1318/°1389) – das so genannte "Abendländische (Große) Schisma", das bis 1417 andauerte.

In dieser Zeit stritten, neben einer Reihe weiterer Päpste und Gegenpäpste, insbesondere gleich drei Päpste –

  • Benedikt XIII. (*1342/°1423),
  • Gregor XII. (*1335/°1417) und
  • Johannes XXIII. (*1370/°1419) –

um den Anspruch, jeweils das rechtmäßige Oberhaupt der katholischen Kirche zu sein.

Behoben wurde diese missliche Situation mit dem – vom (Gegenpapst) Johannes XXIII. 1414 einberufenen und bis 1418 dauernden – Konzil von Konstanz, das zum Amtsverzicht der drei Rivalen sowie zur Wahl des Kardinals Ottone Colonna ("Oddo di Colonna") zum Papst Martin V. (*1368/°1431) führte.

Autor: Manfred Zorn

 

 

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