Sikhismus und Sikhs – was bedeuten diese Begriffe?

Der Sikhismus ist eine gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Punjab (Nordindien) vom Guru Nanak (*1469/°1539) gegründete monotheistische, bildlose Glaubensrichtung.

 

Sikhs

Die Anhänger dieser Glaubensrichtung werden „Sikhs“ („Schüler“) genannt, umfassen etwa zwanzig Millionen Gläubige weltweit, machen circa 2% der indischen Bevölkerung aus, stellen aber mit gut 50% die Bevölkerungsmehrheit im indischen Bundesstaat Punjab (Pandschab).

Sikhismus

Die Religionsgemeinschaft des Sikhismus lehnt das rigide Kastenwesen des Hinduismus ab und steht jedem offen, für den Predigt, Hingabe an Gott, Meditation und tugendhaftes Leben ausreichend und wichtig sind.

Was beabsichtigte der Guru Nanak

Nanak, der so genannte „Stifter“ dieser Religion, stammte aus Talwandi (heute Pakistan), war als Erwachsener als Beamter tätig und hatte, so heißt es, um die Dreißig seine Erleuchtung. Er wandte sich vom  Hinduismus und dem Islam in ihrer absoluten Form ab und versuchte, mit seiner Glaubensauslegung die religiösen Ausrichtungen beider Religionen in Übereinstimmung zu bringen.

Nanak wollte fortan als Guru (religiöser Lehrer des Hinduismus, Buddhismus und Sikhismus) lediglich Gott dienen sowie Großherzigkeit und Achtung vor Menschen jedweder Herkunft und Religion predigen.

Die wesentlichen Grundmotive des Sikhismus sind:

  • Sich kein Bild von Gott zu machen,
  • ausschließlich nur dessen Namen zu verehren und darüber meditieren,
  • anderen Menschen – unabhängig von Herkunft, Stand und Religion – stets hilfreich zur Seite stehen,
  • Bedürftigen unter die Arme zu greifen sowie
  • nach den ethischen Vorgaben der Glaubensgemeinschaft zu leben und diese zu bewahren.

Darüber hinaus glauben die Sikhs an das Gesetz des Karmas, das über die Art der Wiedergeburt befindet.

Gepflogenheiten und "Dresscode"

Neben dem täglichen Binden des Turbans, pflegen Sikhs die nachstehenden fünf Rituale, die, nach außen dargestellt, den Prinzipien ihres Glaubens – zum Beispiel: Ethik, Redlichkeit, Fairplay, Vorurteilslosigkeit und Humanität – entsprechen sollen.

Da gibt es zum Beispiel die Verpflichtung,

  • langes, ungeschnittenes Haar (Kes) zu tragen, das bei Männern mit einem Turban, bei Frauen mit einem Tuch zu bedecken ist,
  • stets einen kleinen, im Haar getragenen, Holzkamm (Kangha) bei sich zu haben sowie
  • Shorts (Kaschara) als Unterwäsche zu nutzen.
  • Ein mit sich zu führender Armreif (Karra) und ein kurzes Schwert (Kirpan) runden das Equipment ab.

Der "Goldene Tempel"

Als höchstes und heiligstes religiöses Zentrum des Sikhismus gilt der – im 16. Jh. vom fünften Guru erbaute – so genannte „Goldene Tempel“.

Er steht, umgeben von einem künstlich angelegten Teich („Nektarteich“), der der rituellen Reinigung der Gläubigen dient, in der Altstadt von Amritsar (etwa eine Million Einwohner) im indischen Bundesstaat Punjab, unweit von Lahore.

Seit 1604 wird hier das Heilige Buch „Guru Granth Sahib“ aufbewahrt, aus dem den ganzen Tag über von Sängern (Ragis) Verse rezitiert werden. Vier Türen des Tempels symbolisieren den freien und ungehinderten Zugang aller vier hinduistischen Hauptgruppen.

Gurus

Insgesamt gab es bis Anfang des 17. Jahrhunderts zehn Gurus. Guru Nanak war, wie gesagt, der Gründer des Sikhismus; Guru Gobind Singh (*1666/°1708) war der zehnte und letzte „menschliche“ Heilige.

Kurz vor seinem Tod im Herbst 1708 gab Gobind Singh bekannt, der letzte personifizierte Guru gewesen zu sein und wies die Gläubigen an, zukünftig das von ihm verfasste Heilige Buch „Guru Granth Sahib“ zu verehren und als wahren – sozusagen als „elften“ – Guru anzuerkennen.

Ablehnung, Ressentiments und (endlich) Anerkennung

Im Laufe der auf Guru Gobind Singh folgenden Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts wurden die Sikhs von den auf dem indischen Subkontinent herrschenden

  • muslimischen Maghal-/Mogulherrschern aus ihrem an gestammten Gebiet vertrieben,
  • vereinigten sich allerdings während des schleichenden Zerfalls des Mogulreiches 1799 unter dem Sikh Ranjit Singh (*1780/°1839) in der – inzwischen unter Pakistan und Indien aufgeteilten – Region Punjab/Pandschab zu einem Sikh-Königreich,
  • wurden aber im Zuge der so genannten Sikh-Kriege (1845/46 und 1848/49) schließlich und endlich von der britischen Kolonialmacht annektiert;
  • 1919 kam es zwischen Sikhs, Hindus und Muslimen, die die Unabhängigkeit Indiens anstrebten, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den englischen Kolonialherren (Massaker von Amritsar);
  • 1947, nach der Unabhängigkeit Indiens und der Abspaltung Pakistans, wurde den Sikhs die Gründung eines eigenen Staates durch die Nachfolgeregierungen der beiden Länder verwehrt;
  • 1966 wurden die Grenzen des Punjab (Pandschabs) neu festgelegt. Ein neuer indischer Staat mit einer Sikhs-Mehrheit entstand – aber eben kein eigener;
  • 1984 kämpften militante Sikhs erfolglos gegen das indische Militär. Für dieses zweite Massaker wurde die Premierministerin Indira Gandhi verantwortlich gemacht und ermordet.

Erst gegen Ende der 90iger Jahres des 20. Jahrhunderts ließen die gewalttätigen und blutigen Auseinandersetzungen nach, und die Sikhs national und international anerkannt.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: „Kompakt & Visuell – Religionen der Welt“ (Philip Wilkinson/Dorling Kindersley Verlag GmbH., München)

 

 

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