Woher stammt eigentlich der Begriff „Nibelungentreue“?

Vordergründig geht der Begriff „Nibelungentreue“ natürlich zurück auf das "Nibelungenlied", wurde aber 1909 von Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow im Zusammenhang mit der seiner Meinung nach "uneingeschränkten" Bündnistreue Deutschlands zu Österreich-Ungarn geprägt.

Die hatte sich 1914 nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz-Ferdinand in Sarajevo sowie der sich daran anschließenden Auslösung des 1. Weltkrieges in der Tat als nicht sehr glücklich erwiesen.

 

Was aber hat der Begriff mit dem "Nibelungenlied" zu tun?

Genau genommen, wenig! Allenfalls ist er als Synonym zu sehen.

Denn es ist davon auszugehen, dass von Bülow bei seiner Wortprägung „Nibelungentreue“, das durch nichts zu erschütternde Treueverhältnis Hagens von Tronje zu seinem Burgunder-/Nibelungenkönig Gunther aus der Nibelungensage im Sinn hatte.

Da sowohl Hagens bedingungslose Treue zu einem katastrophalen Ende der Nibelungengeschichte führt, als auch der 1. Weltkrieg ein verhängnisvolles Ende zur Folge hatte, bezeichnet der Begriff „Nibelungentreue“ heute mehr oder weniger zwiespältige (fadenscheinige) Treuegelöbnisse jeglicher Art.

Warum hat der Begriff "Nibelungentreue" einen zweifelhaften Touch?

Allerspätestens mit der Rede Feldmarschalls von Hindenburg vom Oktober 1918, in der er die Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg mit

  • Siegfrieds Ermordung in der Nibelungensage verglich (was Hindenburg mit dem Wort "Dolchstoßlegende" ausdrückte)

und der unsägliche Hermann Göring 1945 den Untergang Deutschlands mit dem

  • Untergang der Nibelungen (im 2. Teil der Sage: "Kriemhilds Rache") in Verbindung brachte,

gilt der Begriff "Nibelungentreue" als negativ besetzt.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: Mythen und Sagen des Nordens/Gerstenberg Verlag

 

 

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