Holzauge sei wachsam – was bedeutet dieser Ausspruch?

Holzauge sei wachsam, was so viel heißt wie Achtung! Aufgepasst! Vorsicht!, sagt man in der Regel immer dann, wenn man jemandem den guten Rat geben möchte, sich in einer kniffligen Angelegenheit entweder – im übertragenen Sinne – nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, sich nicht über den Tisch ziehen bzw. übervorteilen zu lassen oder sich gegen mögliche Unwägbarkeiten zu wappnen. Gedacht ist das Ganze also sozusagen als gutgemeinte Warnung vor eventuell zu erwartendem Unbill.

Und, woher kommt nun dieser Ausspruch?

Das weiß man nicht so genau. Eigentlich weiß man es überhaupt nicht. Es wird lediglich gemutmaßt.

So sprechen die einen von mittelalterlichen Burgen, Schießscharten und Holzkugeln mit einem Loch, die anderen denken, wenn schon vom Holzbein gesprochen wird, warum dann nicht auch vom Holzauge? Und wieder andere führen die Redewendung auf das so genannte „Unternehmen Holzauge“ zurück oder vermuten, dass der Spruch aus dem Tischlerhandwerk stammt.

Burgen, bewegliche Kugeln aus Holz und Schützen, die keinesfalls schielen durften

Die Geschichte mit den „gelochten“ Holzkugeln, die, so wird in diesem Zusammenhang gern erzählt, in den Schießscharten nicht nur drehbar eingebaut waren, sondern auch noch aussahen wie ein Auge, ist eine zwar lustige, dennoch in der Umsetzung auch komplizierte Theorie.

Denn hier steht das Loch in der Kugel für ein Auge im Holz, das im Grunde genommen erst durch das reale Auge des hindurchsehenden Musketiers sozusagen „augenscheinlich“ wurde. Hatte nämlich dieser wachsame Späher nun tatsächlich eine von feindlichen Angreifern ausgehende Gefahr möglichst rechtzeitig erkannt, musste er, so ist zu vermuten, das Auge flugs vom Loch zurückziehen und stante pede, also unverzüglich, stattdessen seine Muskete hindurchstecken, schießen und, im Idealfall, treffen.

Ob er dabei auch wirklich zielen konnte, nämlich gleichzeitig durchs Loch schauen, Waffe einsetzen, zielen und abdrücken, ist nicht verbrieft. Also, Holzauge – sei wachsam!

Ein Vergleich, der hinkt

Die Analogie „Holzbein“/„Holzauge“ verpflichtet immerhin beide Betroffenen wegen ihrer Handicaps zu besonderer Vorsicht, damit nicht noch Schlimmeres passiert; scheint aber einer Mahnung zur Wachsamkeit nicht wirklich zu entsprechen.

Grönland und ein Wetterdienst

Schön dagegen ist wiederrum die Sache mit dem „Unternehmen Holzauge“ auf Grönland; eine von acht weiteren Wetterstationen der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges in der Arktis. Deren Wachsamkeit war dann allerdings und glücklicherweise im April/Mai 1945 obsolet.

Zünfte, Meister und Gesellen

Bleibt noch das Tischler- bzw. Schreinerhandwerk, von dem gesagt wird, dort, wo gehobelt wird, fallen Späne. Was natürlich auch stimmt.

Doch gelegentlich hieß/heißt es: Vorsicht, Holzauge! Sei wachsam!

Gemeint sind damit die zu hobelnden Stellen des Holzes, an denen zuvor irgendwann einmal Äste aus dem Stamm gewachsen waren. Und da diese Stellen härter als der Rest des zu bearbeitenden Gegenstandes sind und das Werkzeug, der Hobel, Schaden nehmen könnte, wurde der jeweils Hobelnde, in der Regel immer der Stift, Lehrling oder Auszubildende, zu größter Vorsicht ermahnt – eben: Achtung! Holzauge! Sei wachsam ...!

Autor: Manfred Zorn

 

 

Google-Anzeige Google-Anzeige Google-Anzeige