Woher stammt das Zitat ‚Der Wunsch ist der Vater des Gedankens‘?

Das Zitat ‚der Wunsch ist der Vater des Gedankens‘ stammt aus William Shakespeares (*1564/°1616) ‚Historischem Schauspiel in zwei Teilen: Heinrich IV.‘, das vermutlich 1597/98 in London erstaufgeführt wurde. Gesprochen wird dieser an seinen Sohn, den späteren Henry V., gerichteter Satz von König Heinrich im 4. Akt/4. Szene des 2. Teils.

Und? Wie kam es dazu?

Nun ja, in den vorangegangenen etwa zwei Stunden der ungefähr dreistündigen Gesamtvorstellungsdauer des Historiendramas um den englischen König Henry IV. (*1366/°1413), ist natürlich einiges geschehen.

So muss sich Henry/Heinrich, der zuvor seinen Vorgänger, König Richard II. (*1367/°1400) auf unfeine Art in die ewigen Jagdgründe geschickt hat, im 1. Teil des Schauspiels mit aller Kraft seiner schottischen, walisischen und englischen Gegner erwehren, was sich im 2. Teil nur unwesentlich verändert fortsetzt. Das heißt, Heinrich wird seiner Herrschaft nicht wirklich froh.

Psychische und physische Erschöpfung?

Verschwörungen, Intrigen, Rebellionen und andere finstere Machenschaften reißen nicht ab. Wahrscheinlich auch wegen dieser Querelen, verschlechtert sich obendrein sein Gesundheitszustand besorgniserregend.

Und tatsächlich!

Im Laufe der Gespräche, die Heinrich/Henry in der 4. Szene des 4. Aktes mit seinen Getreuen führt, bricht er plötzlich ohnmächtig zusammen, woraufhin ihn die Anwesenden, erschrocken und besorgt, zum Ausruhen zu seiner Schlafstatt bringen.

Kurz darauf stößt Prinz Heinrich, also der Sohn Heinrichs, zu der sorgenvollen Gesellschaft, um sich über den Zustand des Vaters informieren zu lassen.

Zugriff auf die Krone!

Dann, wenig später, der Freundeskreis hat sich zurückgezogen, tritt der Prinz ans Bett, glaubt, der Vater hätte seinen letzten Gang angetreten, fragt sich aber verwundert

‚… Weswegen liegt die Krone auf seinem Kissen? Ein so unruhvoller Bettgenosse?

Und fügt hinzu

‚…mein Recht an dich ist diese Herrscherkrone, die, als dem Nächsten deines Rangs und Bluts mir sich vererben muss. Hier sitzt sie, seht!‘.

Dann verlässt er den Raum.

Einen Moment später erwacht Heinrich aus seiner Ohnmacht, ruft nach den Freunden, erkundigt sich nach dem Verbleib seiner Krone, vermutet, dass es der Sohn gewesen sein muss und bittet, nach ihm zu suchen.

Aussprache, Übereinkommen und Versöhnung

Der Prinz erscheint. Es kommt zu einem letzten Gedankenaustausch zwischen Vater und Sohn, in dem das weiter oben genannte Zitat seinen Ursprung hat. Hier verkürzt wiedergegeben:

König Heinrich:

‚Allein, warum nahm er die Krone weg?‘

Prinz Heinrich tritt näher.

König Heinrich:

‚Da kommt er, seht! – Hierher, komm zu mir, Heinrich! – Räumt ihr das Zimmer, lasst uns hier allein!

Clarence, Prinz Humphrey, Lords und übrige verlassen den Raum.

Prinz Heinrich:

‚Ich dachte nicht, Euch noch einmal zu hören.

König Heinrich:

'Dein Wunsch war des Gedankens Vater, Heinrich. Ich zögre dir zu lang', ermüde dich. So hungerst du nach meinem led'gen Stuhl, Dass du dich musst in meine Ehren kleiden, eh' noch die Stunde reif? O blöder Jüngling…!‘

Um es kurz zu machen. Natürlich kommt es zur Versöhnung.

  • Heinrich IV. verzeiht dem Prinzen dessen Neigung zu unüberlegtem und riskantem Verhalten,
  • ernennt ihn – Prinz Heinrich hat inzwischen umgehend Besserung gelobt – zu seinem Nachfolger,
  • schließt, zufrieden mit sich, dem Sohn und der Welt, die Augen für immer und
  • fortan, von 1413 bis 1422, regiert Prinz Heinrich, nunmehr König Heinrich V. (*1387/°1422), England. Im Großen und Ganzen durchaus auch im Sinne des Vaters…

Apropos

Der reale König Heinrich IV. soll, so wird vermutet, sowohl unter Epilepsie als auch einer Hautkrankheit (Lepra?) – ggf. zugezogen anlässlich seiner Pilgerreise nach Jerusalem – gelitten haben. An Letzterer ist er mutmaßlich dann wohl auch verstorben. Bestattet wurde Heinrich in der Canterbury Cathedral in Canterbury/Grafschaft Kent im Südosten Englands.

Hinterhergeschoben

Der zum geflügelten Wort gewordene Satz Heinrichs IV. in Shakespeares gleichnamigem Schauspiel ‚Der Wunsch ist/war der Vater des Gedankens‘ meint heute, dass sich jemandes Wunschvorstellung nicht mit den tatsächlichen Fakten deckt, also lediglich ein unerfüllter, frommer Wunsch bleibt.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Reclams Schauspielführer“ (Reclam), „Shakespeare, William: King Henry IV., Part 2 / Heinrich IV., Teil 2 – Engl./Dt.“ (Reclam), „London“ (David Piper/Prestel Verlag München)

 

 

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