Woher kommt eigentlich der Begriff „im Elfenbeinturm sitzen“?

Im Sinne der heute üblichen Verwendung, wird der Begriff – so ist allenthalben nachzulesen – dem französischen Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve (*1804/°1869) zugeschrieben.

Diesem Herrn scheint – vermutlich im Zuge einer intellektuellen Kontroverse mit dem Dichter Alfred de Vigny (*1797/°1863) zur Mitte des 19. Jahrhunderts – das "Hohelied Salomos" aus dem Alten Testament eingefallen zu sein.

Offenbar empfand der möglicherweise zur Ironie neigende Kritiker die zu Papier gebrachten Gedanken de Vignys als weltfremd und fernab jeglicher Realität, dachte unwillkürlich an Kapitel 7, Zeile 5 des weiter oben genannten Hohenliedes

  • „…Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein…“

und wählte für seine Rezension die Worte

  • „tour“ („Turm) und „ivoire“ („Elfenbein“) –

was, zusammengesetzt, den Ausdruck „im ‚tour d’ivoire’ sitzen“ nahelegt.

Eine Redewendung, die im Laufe der darauf folgenden Jahrzehnte schließlich auch den Weg in die deutsche Sprache fand.

Heute sind damit Menschen gemeint – insbesondere Wissenschaftler und Künstler aller Couleur – die ihre Arbeit in selbst verordneter Abgeschiedenheit, also sozusagen einsam „im Elfenbeinturm sitzend“, erledigen.

Dabei bleibt es gelegentlich nicht aus, dass (scheinbar) alle bereits bestehenden Erkenntnisse sowie auch die häufig damit einhergehenden Probleme wissenschaftlicher, gesellschaftlicher oder gar weltpolitischer Art schlicht ignoriert werden.

Autor: Manfred Zorn

 

 

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