Gibt es einen roten Faden von Karl dem Großen zum Vertrag von Lissabon?

Wenn man so will, ja! Zumindest bei großzügiger Betrachtung!

Karl der Große

Das von Karl dem Großen (*etwa 747/°814) im 8. und 9. Jahrhundert geschaffene Reich hatte die Völker des Abendlandes unter fränkischer Führung zusammengefasst.

Nach Karls Tod zerfiel dieses Reich im Laufe der Zeit in die Vorläufer der heutigen Länder Frankreich, Italien und Deutschland. Die Entwicklung der europäischen Nationalstaaten begann. Blutige Kämpfe der Herrscher, Glaubenskriege und Völkerschlachten kennzeichneten Europas weiteren Weg durch die Geschichte.

Aber warum bekämpften die Völker Europas sich immer wieder?

Bei all dem oben Genannten, stand der Gedanke vom Wertbewusstsein des Einzelnen im Vordergrund.

So versuchten Fürsten, sich gegen die Bevormundung durch Kaiser oder Könige aufzulehnen, einzelne Stände sonderten sich gegen andere ab, die Völker wurden sich – im Vergleich mit ihren Nachbarn – ihrer Andersartigkeit bewusst, und der einzelne Mensch kämpfte sich im Laufe der Jahrhunderte vom Leibeigenen zum freien Bürger empor.

Dieser Individualismus ist ein gemeinsames Erbteil aller europäischen Staaten, führte allerdings zu politischer Zersplitterung. Gleichzeitig wurden aber auch die vielfältigen kulturellen und zivilisatorischen Leistungen Europas geprägt: Naturwissenschaft und Technik sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse und Erfahrungen, die heute jedem von uns zugute kommen, sind aus diesem Europa hervorgegangen.

Warum vereinigten sich die Länder Europas nicht?

Es wurde versucht!

So werden in diesem Zusammenhang in der einschlägigen Literatur unter anderen:

  • Karl I. von Spanien (*1500/°1558; 1519 „römisch-deutscher“ König und 1530 als Karl V. Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“),
  • der Rechtsgelehrte Johannes Althusius (*1557/°1638),
  • Kaiser Napoleon I. (*1769/°1821) und der
  • französische Philosoph Henri de Saint-Simon (*1760/°1825)

genannt, die sich – aus unterschiedlichen Motiven – durchaus mit dem Gedanken eines jeweils anderen, neuen, geeinten?! Europa auseinandergesetzt haben.

Der französische Dichter Victor Hugo (*1802/°1885) hat es dann 1849 auf den Punkt gebracht. In seiner Eröffnungsrede auf dem Pariser Friedenskongress formulierte er (sinngemäß):

  • „Der Tag wird kommen, da Franzosen, Italiener, Deutsche – da alle Nationen des Kontinents – ohne ihre besonderen Eigenschaften zu verlieren, sich zu einer höheren Einheit zusammenfinden und die europäische Brüderlichkeit begründen werden“.

Wie kam es schließlich zur „Europäische Union“?

Nach Victor Hugos Rede dauerte es doch noch länger als hundert Jahre, bis die ersten wirksamen Schritte zur Verwirklichung seines Europagedankens getan werden konnten.

Endlich, nach dem Zweiten Weltkrieg, setzten sich die Gründerväter der EU (Jean Monnet, Walter Hallstein, Konrad Adenauer, Robert Schumann u.v.a.m.) zusammen und begannen, mit der Einrichtung der

  • „Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ („Montanunion“/1950) und der
  • „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (EWG/1957),

Europa wirtschaftlich und politisch zu vereinen.

Inzwischen ist aus der „EWG“ zuerst die „Europäischen Gemeinschaft“ (EG), dann die 28 Länder umfassende „Europäische Union“ (EU) geworden, die mit dem am 1. Dezember 2009 in Kraft getretenen „Vertrag von Lissabon“ überarbeitet, zeitgemäßer und im gemeinsamen Miteinander schlagkräftiger gestaltet wurde.

Bei all dem nicht zu vergessen ist die am 1. Januar 2002 eingeführte und heute in 19 EU-Staaten (Euro-Zone) gängige Gemeinschaftswährung des Euro.

Anmerkung

Von den genannten 28 EU-Mitgliedern hat sich Großbritannien im Juni 2016/Brexit verabschiedet. Jetzt sind's noch 27! Wenn's denn dabei bleibt ...

Autor: Manfred Zorn

 

 

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