Europa – was ist das?

Ein Kontinent. Und einiges andere mehr.

Vorweggenommen

Je nach Zählweise gilt Europa als einer von vier bis sieben Erdteilen. Lange Zeit galten

  • Amerika, Europa, Asien, Afrika und Australien

als die allgemein bekanntesten Kontinente.

Heute werden von den einen auch

  • 'Antartika' am Südpol, das ist eine Landmasse in der Antarktis und/oder
  • 'Ozeanien' mit seinen etwa 7500 Inseln im Pazifik

dazugezählt.

Andere wiederum fassen

  • Europa und Asien zu 'Eurasien'

zusammen und wieder andere sogar

  • Europa, Asien und Afrika zu 'Eurafrasien'.

Darüber hinaus wird Amerika oft zweigeteilt, also getrennt sowohl in

  • Nordamerika als auch Südamerika.

Woher der Name kommt

Wer wie auch immer die Erdteile zählen mag – der griechischen Mythologie zufolge lebte die Prinzessin Europa, Tochter des phönizischen Königs Agenor und seiner Frau Telephasa, an der Küste Kleinasiens (heute: Anatolien/ Türkei). Eines Tages – so erzählt es die Sage – verliebte sich der Göttervater Zeus unsterblich in das hübsche Mädchen. Er beschloss, Europa zu entführen. Damit ihn seine argwöhnische Gattin Hera dabei nicht erwischte, verwandelte Zeus sich in einen Stier, setzte Europa auf seinen Rücken und verschwand mit ihr nach Kreta, wo er sich in seine ursprüngliche Gestalt zurückverwandelte.

Motiviert durch eindringliches Zureden Aphrodites, gaben die Nachkommen aus dieser Beziehung dem Erdteil, den sie nun bewohnten, den Namen Europa.

Europa geographisch

  • Europa – auf jedem Globus und in jedem Atlas leicht zu finden, obwohl nicht als festumrissener Erdteil zu erkennen,

  • Europa – ein Konstrukt aus (z.Z.) 48 Ländern,

  • Europa – eine Ansammlung von Landschaften, die durch Meeresbuchten, Gebirge und Flüsse voneinander getrennt sind –

trotzdem eine Einheit?

Europa kulturell

Vier Quellen sind es, die uns heute Europa als eine Einheit empfinden lassen:

  • Das Griechentum, das außer wissenschaftlichen Grundlagen in der Mathematik, Physik, Medizin, Philosophie und Geschichtsschreibung (z.B. Herodot) auch das Grundmodell der Demokratie schuf und für Jahrtausende die europäische Kunst beeinflusste.
  • Das Römertum, das mit der Einrichtung einer Beamtenschaft unter zentraler Verwaltung und einer Rechtsprechung nach für alle geltenden Gesetze die Voraussetzungen für ein mächtiges, weltumspannendes Staatswesen schuf.
  • Das Christentum, das entscheidend das europäische Denken, seine Ethik und Moral formte.
  • Das Germanentum, das das griechisch-römisch-christliche Erbe mit seiner gesunden Kraft weitertrug und mit seinen Vorstellungen erfüllte.

All dies prägte europäisches Denken und die abendländische Kultur, die schließlich bestimmend für einen Großteil der Erde wurde.

Karl der Große, das Frankenreich und Kriege

Nach dem Zerfall der römischen Weltmacht bestimmten Kaiser und Päpste, noch durch das ganze Mittelalter hindurch, die Geschichte Europas. Anfangs in Zusammenarbeit und Interessengleichheit, später durch Kämpfe um die weltliche Vorherrschaft.

Durch Karl den Großen (*768/°814) erlebte das Kerngebiet des heutigen Europa seinen ersten Aufschwung. Geschichtsschreibung, Kunst und Wissenschaft wurden gepflegt, Schulen wurden gegründet, die Grundlage für die Schrift des Mittelalters und der Gegenwart geprägt und umfangreiche Kloster- und Kirchenbauten vorgenommen.

Das von Karl dem Großen geschaffene Reich hatte die Völker des Abendlandes unter fränkischer Führung zusammengefasst. Nach seinem Tod zerfiel dieses Reich in die Vorläufer der heutigen Länder Frankreich, Italien und Deutschland. Die Entwicklung der europäischen Nationalstaaten begann. Blutige Kämpfe der Herrscher, Glaubenskriege und Völkerschlachten kennzeichneten Europas weiteren Weg durch die Geschichte.

Wie es heißt, sollen seit der Antike bis in unsere Zeit mehr als 14.000 Kriege weltweit stattgefunden haben oder noch im Gange sein. Davon mindestens rund 200 auf dem Gebiet des heutigen Europa.

Kriege? Warum?

Neben – unter anderen – allgemeinen Interessengegensätzen, beabsichtigter Machtvergrößerung (Hegemonialmachtstreben) sowie dem Gewinn wirtschaftlicher Ressourcen, stand ursächlich bei allem auch der Gedanke vom Wertebewusstsein des Einzelnen im Vordergrund.

  • So versuchten Fürsten und Herzöge, sich gegen die Bevormundung durch Kaiser- oder Könige aufzulehnen,
  • einzelne Stände sonderten sich gegen andere ab,
  • die Völker wurden sich im Vergleich mit den Nachbarvölkern ihrer Andersartigkeit bewusst,
  • und der einzelne Mensch kämpfte sich im Laufe der Zeit vom Leibeigenen zum freien Bürger empor.

Dieser Individualismus ist ein gemeinsames Erbteil aller europäischen Staaten, führte allerdings zu politischer Zersplitterung. Gleichzeitig wurden dadurch aber Europas vielfältige kulturellen und zivilisatorischen Leistungen wahrnehmbar.

So sind beispielsweise Geistes-, Natur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und das Ingenieurswesen sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse und Erfahrungen, die heute jedermann zugutekommen, aus diesem Europa hervorgegangen.

Warum vereinigten sich die Länder Europas nicht?

Es wurde versucht!

So werden in diesem Zusammenhang in der einschlägigen Literatur unter anderen:

  • Karl I. von Spanien (*1500/°1558; 1519 „römisch-deutscher“ König und ab 1530 Karl V. Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“),
  • der Rechtsgelehrte Johannes Althusius (*1557/°1638),
  • Kaiser Napoleon I. (*1769/°1821) und
  • der französische Philosoph Henri de Saint-Simon (*1760/°1825) genannt,

die sich – aus unterschiedlichen Motiven – durchaus mit dem Gedanken eines jeweils anderen, neuen, geeinten Europa auseinandergesetzt haben. Der französische Dichter Victor Hugo (*1802/°1885) hat es dann 1849 auf den Punkt gebracht. In seiner Eröffnungsrede auf dem Pariser Friedenskongress formulierte er (sinngemäß):

„Der Tag wird kommen, da Franzosen, Italiener, Deutsche – da alle Nationen des Kontinents – ohne ihre besonderen Eigenschaften zu verlieren, sich zu einer höheren Einheit zusammenfinden und die europäische Brüderlichkeit begründen werden“.

Und? Wie kam es schließlich zur „Europäischen Union“?

Nach Victor Hugos Rede dauerte es doch noch länger als hundert Jahre, bis die ersten wirksamen Schritte zur Verwirklichung seines Europagedankens getan werden konnten. So wurde

  • 1923 die ‚Pan-Europa-Bewegung‘ gegründet,
  • 1929 trug der französische Ministerpräsident Briand vor dem Völkerbund in Genf seinen Plan einer ‚Europäischen Nation‘ vor,
  • zwischen 1933 und 1945 war Pause.

Endlich, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, setzten sich die Gründerväter der EU (Jean Monnet, Walter Hallstein, Konrad Adenauer, Robert Schumann u.v.a.m.) zusammen und begannen, mit der Einrichtung der

  • „Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ („Montanunion“/1950) und der
  • „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (EWG/1957),

Europa wirtschaftlich und politisch zu vereinen. Inzwischen ist aus der „EWG“ zuerst die

  • „Europäischen Gemeinschaft“ (EG),

dann die 28 Länder umfassende

  • „Europäische Union“ (EU) geworden,

die mit dem am 1. Dezember 2009 in Kraft getretenen „Vertrag von Lissabon“ überarbeitet, zeitgemäßer und im gemeinsamen Miteinander schlagkräftiger gestaltet wurde.

Bei all dem nicht zu vernachlässigen ist die am 1. Januar 2002 eingeführte und heute in 19 EU-Staaten (Euro-Zone) gängige Gemeinschaftswährung des Euro.

Hinterhergeschoben

Von den weiter oben genannten 28 EU-Mitgliedern hat sich Großbritannien im Juni 2016 mit dem Brexit-Referendum verabschiedet. Danach begann ein dreieinhalbjähriges Gezerre auf der Insel. Es ging hin und her. Bis der Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU am 24. Januar zum 31. Januar 2020 vom britischen Premierminister Boris Johnson definitiv besiegelt wurde. Nach einer Übergangszeit bis zum 31. Dezember 2020 soll schließlich der endgültige Cut erfolgen. Dann besteht die EU (vorerst) nur noch aus 27 Mitgliedern.

Was war, was ist, was kommt?

Obwohl offensichtlich die anstehenden Probleme des Klimawandels, des Umweltschutzes, der Digitalisierung, der Coronakrise und der unvermindert anhaltenden Flüchtlingsfrage von dem einen oder anderen unter dem Slogan ‚Globalisierung tut uns nicht gut‘ ihren Teil zur Rückkehr in ein diffus national geprägtes Denkmuster beitragen, sollte nicht vergessen werden, dass ein vereintes Europa immerhin (bis jetzt – Stand: Juli 2020) für fünfundsiebzig Jahre Frieden gebracht hat, also ohne die in den vergangenen beiden Jahrhunderten von den Nationalstaaten geführten Kriege, wie z.B. der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, der Erste Weltkrieg 1914/18 oder der Zweite Weltkrieg 1939/1945.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Das europäische Geschichtsbuch“ (Frédéric Delouche/Klett-Cotta); „Geschichte – kompakt & visuell“ (Philip Parker/DK-Dorling Kindersley), "Staatsbürger Taschenbuch" (C.H.Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 1997), "Sagen des klassischen Altertums" (Gustav Schwab/Loewes Verlag Ferdinand Carl Stuttgart)

 

 

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