Wie wird die Erschaffung der Welt in der Nordischen Mythologie dargestellt?

Die Erschaffung der Welt wird in der nordischen Mythologie durchaus eindrucksvoll, interessant und stellenweise sogar auch skurril geschildert.

Das gilt inhaltlich sowohl für die so genannte „Snorra bzw. Prosa-Edda“, als auch für die für die Forschung bedeutendere Quelle – die „Lieder-Edda“ („Codex Regius“).

Ähnlichkeiten

Grundsätzlich unterscheidet sich die darin beschriebene Zeit – zum Beispiel die Zeit vor dem Urknall – nur marginal von den Geschichten der Bibel oder denen der „alten“ Griechen. Jede dieser drei Überlieferungen bietet ein ähnliches Bild. Aber nicht nur, dass der Anfang allen Seins in allen drei Darstellungen geprägt ist von Chaos, Kuddelmuddel und gähnender räumlicher Leere, sondern auch das, was in der nordischen Mythologie darüber hinaus zur Entstehungsgeschichte der Welt erzählt wird, erinnert in Teilen an die Ausführungen der Bibel und/oder an die Götter- und Heldensagen der griechischen Antike.

Ein Umstand, der wohl den frühmittelalterlichen Autoren geschuldet ist, die vermutlich alle schon mal etwas von der Bibel und der klassischen Antike gehört oder sogar gelesen hatten.

Egal, denn wie auch immer es zur Niederschrift der nordischen Mythologie gekommen sein mag, steht – wie schon gesagt – am Anfang letztlich nur ein gewaltiges Nichts. Allerdings, oh Wunder, bestand dieses Nichts aus zwei Teilen: Dem eisigen Norden und dem brennend heißen Süden.

Schmelzendes Eis und gewaltige Transpiration

Irgendwann taute es im Norden, das Eis schmolz und aus dem Schmelzwasser entstand Ymir, der Ur-Riese und Stammvater aller anderen Riesen. Während Ymir dann so da lag, schlief und schwitzte, erwuchsen aus seinen feuchten Achseln ein Mann und eine Frau, aus seinem Bein ein zweiter Mann und irgendwoher tauchte aus dem Eis schließlich noch eine Kuh auf. Die wiederum, also die Kuh, gab dem Oberriesen nicht nur Nahrung, sondern schlabberte gleichzeitig einen weiteren Mann aus dem Eis, der Buri hieß und unmittelbar zum Urvater der nordischen Götterwelt avancierte.

Merkwürdigerweise, woher und mit wem bleibt in dieser Geschichte offen, hatte Buri einen Sohn, der Bor genannt wurde. Bor ehelichte eine Riesin – möglicherweise die Frau aus Ymirs Achseln? – und zeugte mit ihr die Knaben und späteren Gründer des Göttergeschlechts der Asen: Odin, Vili und Ve.

Langer Rede, kurzer Sinn

Die Jungs konnten Ymir nicht leiden, meuchelten ihn und bildeten aus seinen Körperteilen die Welt. So wurde unter anderem aus Ymirs Fleisch Erde, aus den Knochen entstanden die Berge, aus dem Blut das Meer, aus der Hirnschale der Himmel, aus dem Gehirn die Wolken – nun ja, und so weiter ...

Aber einmal dabei, gestalteten die Götter auch:

  • die vier Himmelsrichtungen,
  • Sonne, Mond und Sterne,
  • Tag und Nacht sowie – last but not least – die Menschen,
  • eine prächtige Befestigungsanlage, die sie "Asgard" nannten
  • und einen Ort mit der Bezeichnung „Hel“, was so viel wie Hölle bedeutet.

All das, und im Detail noch einiges mehr, wurde – sozusagen gedacht für die Ewigkeit – überwölbt von einem mordsmäßig großen Baum, der so genannten Weltesche „Yggdrasill“.

Midgard, Asgard und die Riesen

In diesem paradiesischen Umfeld mit Namen „Midgard“ – dem landschaftlich wunderbarsten Gebiet der so entstandenen Welt, die mit der Burg „Asgard“ durch eine Regenbogenbrücke verbunden war – lebten fortan sowohl die Götter als auch die von ihnen aus zwei Bäumen (einer Esche und einer Ulme) geschaffenen Menschen.

Die Riesen, also die Nachfahren Ymirs, hatten dagegen das Nachsehen. Sie mussten draußen vor bleiben.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: "Mythen und Sagen des Nordens" (Edmund Jacoby/Gerstenberg); "Mythologie für Dummies" (Christopher W. & Amy Hackney Blackwell/mitp-Verlag/Bonn)

 

 

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