Wurde Iphigenie tatsächlich von ihrem Vater Agamemnon geopfert?

Die einen sagen so, die anderen so.

Mythen sind Erzählungen, die in grauer Vorzeit mündlich zum Besten gegeben wurden.

Daher liegt es nahe, dass die geschilderten Ereignisse von Mal zu Mal, von Generation zu Generation ausgeschmückt, ergänzt, verändert oder relativiert wurden. Der Blickwinkel, aus dem heraus erzählt wurde, konnte also durchaus der individuellen Sicht des Berichtenden unterliegen.

Das gilt auch für die Geschichte von Agamemnon und seiner Tochter Iphigenie. 

Ursache

Und die begann im Grunde genommen mit einer Petitesse. Um genau zu sein: Mit einer Hirschkuh und einer Flaute.

Im Detail

Agamemnon, in der griechischen Mythologie König von Mykene, lag mit seiner Flotte im Hafen der antiken Stadt Aulis in der Mitte Griechenlands, um in den Kampf um Troja einzugreifen.

Dabei ging es um die Unterstützung seines Bruders Menelaos, dem die Trojaner die Ehefrau, die schöne Helena, geraubt hatten.

Aber, die Schiffe konnten nicht in See stechen. Es fehlte der nötige Wind. Und Artemis (Göttin der Jagd), die stocksauer auf Agamemnon war, weil der eine ihr geweihte Hirschkuh zur Strecke gebracht hatte, dachte gar nicht daran, den nötigen Wind aufkommen zu lassen.

Jetzt beginnt die Sache mit den unterschiedlichen Versionen

Agamemnon sprach mit dem Spökenkieker Kalchas, folgte dessen Prophezeiungen, nach denen nur der Tod Iphigenies Artemis besänftigen könne. Also schickte Agamemnon Odysseus zu seiner Gattin Klytämnestra, der Mutter und Tochter unter dem Vorwand einer in Aussicht gestellten Vermählung Iphigenies mit Achill nach Aulis locken sollte.

Diese List trug traurige Früchte!

Die beiden Frauen kamen, Iphigenie wurde geopfert, der Wind setzte wieder ein, aber – wen wundert´s – Klytämnestra war fuchsteufelswild und nachhaltig vergrätzt. Was später noch bittere Folgen für Agamemnon haben sollte.

Eine zweite, freundlichere Variante dieser Story geht so:

Agamemnons und Klytämnestras Tochter wurde überhaupt nicht getötet.

Artemis hatte ein Einsehen, befreite Iphigenie rechtzeitig und entführte sie zum Volk der Taurer auf der Halbinsel Krim.

Zwar blieb Iphigenie in dieser Version am Leben, musste aber für einige Zeit den unerfreulichen Job eines – die Menschenopfer begleitenden – Trauerbegleiters ausüben. Auch keine wirklich erbauliche Tätigkeit ...

Übrigens

Das Schicksal Iphigenies fand – ebenfalls mit der einen oder anderen individuellen Interpretation der Geschichte – seinen Niederschlag auch in der bildenden Kunst, der Musik, der Literatur und auf der Bühne, wie zum Beispiel:

  • „Iphigenie bei den Taurern“ 412 v. Chr. und „Iphigenie in Aulis“ 405 v. Chr. von Euripides (*etwa 480/°407 v. Chr.),
  • „Iphigenie auf Tauris“ 1779 von Johann Wolfgang von Goethe (*1749/°1832) und
  • „Iphigenie in Aulis“ aus der Atriden-Tetralogie 1941 bis 1948 von Gerhart Hauptmann (*1862/°1946)

Autor: Manfred Zorn

 

 

 

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