Woher und wann kamen die Sumerer nach Mesopotamien?

Über das ‚Woher‘ wird geschichtswissenschaftlich immer noch gerätselt. Die einen sagen, die Sumerer wären immer schon dort gewesen, die anderen vermuten eine Zuwanderung. Möglicherweise aus Zentralasien. Von wo dort genau, bleibt bis dato allerdings offen.

 

Stadtstaaten und lokale Dynastien

Das ‚Wann‘ dagegen scheint aufgrund archäologischer Funde eindeutiger zu sein.

So wird angenommen, dass die Sumerer etwa gegen Ende des 4. und zu Beginn des 3. vorchristlichen Jahrtausends im Süden Mesopotamiens (Zweistromland) die ersten effizient funktionierenden Gesellschaften bzw. eine der ersten Hochkulturen in der Gegend zwischen Euphrat und Tigris entwickelt haben. Denn, egal ob eingewandert oder immer schon dort ansässig wird fest davon ausgegangen, dass sie sich irgendwann zu einem Volk zusammenrauften, allerdings nie ein in sich geschlossenes Staatsgebiet anstrebten.

Vielmehr gründeten sie im Laufe der Zeit so etwas wie Stadtstaaten. Unter anderen beispielsweise die Städte Uruk, Kisch, Umma, Eridu und Ur.

An der Spitze dieser stadtstaatlichen Ordnung standen jeweils eigenständige Machthaber – Könige lokaler Dynastien, sozusagen –, die gleichzeitig auch als Priester fungierten, ohne aber, im Gegensatz zu den Ägyptern, als Götter verehrt zu werden.

Aber trotz einer mutmaßlich anzunehmenden straffen Hierarchie und eines rivalisierenden Miteinanders, gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich die Städte untereinander politisch und wirtschaftlich austauschten.

Errungenschaften

Offenbar rekrutierten sich die Einwohner aus unterschiedlichsten Kulturen der damaligen Zeit, die alle ihre Begabungen, Kenntnisse und Fertigkeiten in das Staatswesen einbrachten. So wurde die

  • Metallverarbeitung populär,
  • das Kreditwesen eingeführt sowie
  • Kunst und Architektur zur Blüte gebracht und
  • Handel, Landwirtschaft, Handwerk und Dienstleistungen rundeten das Bild ab.

Verwaltungsapparat

Die Administration dieser – auch Palastkulturen genannten – Staatswesen wurde von Beamten, Händlern und sogar Schreibern wahrgenommen. Letztere hatten Aufgaben zu erfüllen, die denen eines heutigen Buchhalters vergleichbar waren.

Keilschrift

Und: Aus den Tätigkeiten der Schreiber formte sich die erste komplexe Schriftform, die Keilschrift, einer aus einer Bilderschrift entstandenen Schrift der Sumerer, Babylonier und Assyrer.

Ur und die Archäologie

Als eine der ältesten und bedeutendsten sumerischen Ortschaften gilt die Stadt Ur.

Ob dieser Ort aber tatsächlich auch die Geburtsstätte des jüdischen Urvaters Abraham (AT, 1. Mose 11,26 u. 11,31) gewesen ist oder mit der in der Bibel geschilderten Sintflut in Zusammenhang gebracht werden kann, bleibt nach wie vor umstritten.

Wurde noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts dem in Ur unter anderem vorgefundenen so genannten Stufenturm (Zikkurat, auch ‚Tell Mukajir‘ genannt), einer Kultstätte des Mondgottes Nanna, von den britischen ‚Kunstjägern‘ wenig Interesse entgegengebracht, begann in den Jahren 1922 bis 1934 der englische Archäologe Charles Leonard Woolley (*1880/°1969) ernsthaft und intensiv mit Ausgrabungen in der – nahe der heutigen Stadt Nasiriya/Nassirija gelegenen – Ruinenstätte.

Entdeckungen

Bei seinen Arbeiten stieß Woolley auf ungewöhnlich vielfältige Gegenstände sumerischer Herkunft.

So legte er zwischen 1927 und 1929 die

  • ‚Königsgräber von Ur‘ frei,
  • grub Paläste, Tempel und Wohngebäude aus,
  • fand den Perückenschmuck einer sumerischen Königin sowie
  • die so genannte ‚Mosaikstandarte von Ur‘ (Lapislazuli, Kalkstein und Muscheln auf Holz, 22 cm hoch und 47 cm lang, heute im Britischen Museum in London) und
  • vieles andere mehr.

Alles in allem Funde, die der Geschichtswissenschaft einen vergleichsweise außerordentlichen Eindruck der sumerischen Stadtarchitektur und Lebenssituation vermittelt haben.

Überbleibsel einer vergangenen Zeit

Nach drei Golfkriegen

  • 1980 bis 1988 (Irak/Iran),
  • 1990/91 (Irak/USA) und
  • 2003 (Irak/USA) sowie die damit eingehenden
  • Verwüstungen und Raubgrabungen,

haben auf der Ausgrabungsstätte lediglich und leider nur Relikte der einst so eindrucksvollen Stadt Ur die Zeit überdauert.

PS

  • Die Namensgebung „Sumerer“ stammt vom deutsch-französischen Gelehrten Jules Oppert (*1825/°1905).
  • Die Bezeichnung "Keilschrift" hat der Arzt und Forschungsreisende Engelbert Kämpfer (*1651/°1716) geprägt, der die bereits im 17. Jahrhundert in den Ruinen von Persepolis (antike Stadt in Persien/Iran) gefundenen Schriftzeichen mit diesem Begriff belegte.
  • Die Entstehung der Keilschrift, wird von der Wissenschaft etwa um 3000 v. Chr. eingeordnet.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Götter, Gräber und Gelehrte“ (C.W.Ceram/rororo-Sachbuch), „50 Klassiker Archäologie“ (Wolfgang Korn/Anaconda), „Geschichte kompakt & visuell“ (Philip Parker/Dorlings Kindersley)

 

 

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