Marco Polo – wer war das?

Venezianischer Handelsreisender? Entdecker? Abenteurer? Geschichtenerzähler? Nun, Marco Polo war wohl von allem etwas. Denn, wenn man so will, sind das Besondere an Marco Polos (*um 1254/°1324) Reisen – und das, was ihn so berühmt hat werden lassen – seine Berichte, Erzählungen und Beschreibungen des seinerzeit (13/14. Jahrhundert) noch so gut wie unbekannten „Fernen Ostens“, also im Wesentlichen Chinas und der Mongolei. Und, ja, neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Folge soll Marco Polo tatsächlich in diesen Gegenden unterwegs gewesen sein.

Wahr oder unwahr, das ist hier, frei nach Shakespeare, die Frage

Auch wenn offenbar keine von ihm selbst verfassten Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt in Ostasien überliefert sind, stehen den Historikern doch seit langem schon gut einhundertfünfzig Handschriften über Marco Polos Reiseerlebnisse zur Verfügung. Angenommen wird, dass er seine erlebten Abenteuer einem Mithäftling, einem gewissen Rustichello da Pisa, während seiner genuesischen Gefangenschaft1 1298/99 – sozusagen in die Kladde – diktiert hat.

Obwohl das Original der Ur-Version dieser Niederschriften offensichtlich schon in grauer Vorzeit verlorengegangen ist, sollen die daraus entstandenen Titel – zum Beispiel "Le Divisament dou Monde"/"Die Vielfältigkeit das Welt" oder "Il Milione"/"Die Million" – dennoch für die Mehrzahl der nach Marco Polos Rückkehr entstandenen Tour-Beschreibungen Pate gestanden haben. Und: Selbst die Heimkehr Marcos nach Venedig (1295), die zum Zeitpunkt seiner unfreiwilligen Einkehr ins Gefängnis bereits drei Jahre zurück lag und die Erinnerung vielleicht auch hätte trüben können, änderte/ändert nichts an der Faszination seiner Erzählungen.

Von den Geschichtsforschern in vielen Details seiner Darstellung Asiens noch bis in unsere Tage als mittelalterlicher „Lügenbaron Münchhausen“ abgetan, scheint es inzwischen doch als weitestgehend wahrscheinlich, dass Marco Polos über die Jahrhunderte kolportierten Beobachtungen einen realen Bezug haben. Aber, wie das so ist in der Forschung: Die einen sagen so, die anderen so.

Wer aber war denn nun dieser exzessiv Reisende Marco Polo, was weiß man tatsächlich über ihn, und was genau hat er wirklich erlebt und gesehen?

Ok, wie es heißt, wurde Marco Polo etwa um 1254 herum in Venedig geboren. Kann aber auch sein, dass dieses freudige Ereignis auf der heute zu Kroatien gehörenden Insel Korcula stattfand. Egal! Während gewusst wird, dass Vater (Niccólo) und Onkel (Maffeo) Kaufleute und Händler in Sachen Seide, Gewürzen, Juwelen und anderem mehr waren, findet seine Mutter (Nicole Anna Defuseh) in den Annalen dagegen keine tiefergehende Erwähnung. Das gilt weitestgehend auch für Marco Polos Kindheit, Jugend und Ausbildung.

Erzählt werden indessen ausgiebig seine dem späteren (o. gen.) Mithäftling verbal vermittelten Schilderungen seiner mühevollen, beschwerlichen und kräftezehrenden Durchquerung Asiens und sein langjähriger Aufenthalt im Reich des Großkhans Kublai Khan (*1215/°1294 – Enkel Dschingis-Khans).

Wie es begann

Vater und Onkel, die bereits von 1260 bis 1269 eine in etwa vergleichbare Reise unternommen hatten und somit über eine gewisse Asienerfahrung verfügten, waren – trotz aller Mühen, die eine derartige Exkursion mit sich bringen mochte – nach wie vor voller Tatendrang. Kurzum: 1271 machten sie sich, dieses Mal in Begleitung des siebzehnjährigen Marco, ein zweites Mal auf den beschwerlichen Weg.

Unterwegs

Nach langem Marsch mit unterschiedlichsten Transportmitteln – unter anderem über Palästina, Afghanistan, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris (Syrien/Irak), Persien (Iran) und Durchquerung der Wüste Gobi – erreichten sie schließlich gute vier Jahre später (1275) ihr eigentliches Reiseziel: Die Stadt Shangdu, Sommerresidenz des Großkhans der Mongolei und des seinerzeitigen Kaisers von China: Kublai Khan.

Reisender in privilegierter Position

Den Wahrheitsgehalt seiner mündlich weitergegebenen autobiographischen Lebens- und Reisegeschichten unterstellt, soll Kublai Khan derart begeistert von Marco gewesen sein, dass er ihn zum Präfekten ernannte. Ausgestattet mit diesem hohen Amt und somit quasi in der Position eines Khan-Vertreters reiste Marco Polo quer durchs Land, sah viel, lernte viel – aber wie es die Überlieferungen vermuten lassen anscheinend nur das, was ihn interessierte (Landschaft, kulturelle Eigenheiten, Bauweisen) –, und soll, neben einer Vielzahl für Europäer fremd anmutender Städte (die heutige Stadt Hangzhou im Südosten Chinas hat Marco Polo dabei zu seiner Lieblingsstadt erklärt) sogar bis nach Beijing (Peking) gekommen sein.

Rückreise, Ankunft und ein Nichterkennen

Alles in allem müssen die drei Polos – den Annalen zur Folge – wohl über gut zwanzig Jahre unterwegs gewesen sein, denn 1291 begann ihre Rückreise. Vier Jahre später (1295) erreichten sie Venedig, wo sie, wie es heißt, Mühe hatten, ihre Identität nachzuweisen. Was dann letztlich aber eindrucksvoll gelang.

PS

(1) Wieder daheim in Venedig beteiligte sich Marco Polo als Flottenoffizier am etwa von 1293 bis 1299? stattgefundenen venezianisch-genuesischen Seekrieg, geriet 1298 anlässlich der Schlacht bei Curzola (heute: Korcula/Adria) in genuesische Gefangenschaft, traf dort auf besagten Rustichello da Pisa, gab diesem seine Reiseerlebnisse zu Protokoll, heiratete 1299, bekam drei Töchter, machte sein (erhalten gebliebenes) Testament und verstarb 1324.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „Große Entdecker“ (Hans-Joachim Löwer, Alexandra Schlüter / Piper Verlag 2011), „Venedig“ (Hugh Honour / Prestel Verlag München)

 

 

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