Wer war Giovanni Boccaccio – und worin liegt seine Referenz zur Renaissance?

Gemeinsam mit Giotto, Dante und Petrarca, gilt auch Giovanni Boccaccio (*1313/°1375) als einer der Wegbereiter des Humanismus, des Strebens nach Menschlichkeit auf der Grundlage einer Rückbesinnung oder auch „Wiedergeburt“ (-> „Renaissance“) der Geisteshaltung des klassischen Altertums. Nicht mehr nur Bibel, Kirche und Gebet sollten das Denken und Handeln der Menschen bestimmen, sondern angestrebt wurde die Persönlichkeit des gebildeten, aufgeklärten und unabhängigen Einzelnen.
Kurz gesagt: Das Individuum wurde zum Maß aller Dinge.

 

Begründer der Novelle

In diesem Zusammenhang gilt zum Beispiel Boccaccios sinnesfreudige Hauptwerk „Il Decamerone“ (-> „Das Dekameron“) – einer etwa zwischen 1348 und 1352/53 in Prosa und italienischer Sprache entstanden Novellensammlung – nicht nur als ein Hoffnung ausdrückender Gegenentwurf zu den Schrecken der zu der Zeit in Florenz grassierenden Pest, sondern wird darüber hinaus im weitesten Sinne auch als Distanzierung vom bisher im Mittelalter vorherrschenden „düsteren“ Lebensgefühl verstanden.

 

Kindheit und Jugend

Über Giovanni Boccaccios Kindheits- und Jugendjahre geben die Quellen in puncto Jahreszahlen mehr oder weniger widersprüchlich Auskunft. Die einen sagen so, die anderen so. Der am häufigsten anzutreffenden Version nach, soll Giovanni als unehelicher Spross eines Florentiner Kaufmanns und einer französischen Adeligen in Paris zur Welt gekommen sein – was aber so nicht wirklich stimmen muss. Egal!

Sicher anzunehmen jedenfalls ist, dass Boccaccio

  • in Florenz aufwuchs,
  • im väterlichen Betrieb mit Kalkulationen, Bilanzen, Umsatzrenditen und anderen kaufmännischen Aspekten befasst war, allerdings schon bald die nötige Begeisterung für diese Art Betätigung aufgegeben zu haben schien
  • und sich schon früh der Kunst des Dichtens und Schreibens widmete.

Auf Anraten des Vaters, etwas „Richtiges“ zu lernen, folgte um 1330/32 ein etwa sechsjähriges Studium der Rechtswissenschaften an der von Friedrich II. (-> Staufer) gegründeten Universität „Federico II.“ in Neapel. Aber auch das schien Boccaccio schnell zu langweilen.

 

Leidenschafft schafft Leiden

Stattdessen las er lieber

  • die Werke antiker Dichter, Dantes und Petrarcas,
  • fand Zugang zur gesellschaftlichen Oberschicht,
  • verkehrte bei Hofe,
  • verliebte sich unsterblich in eine Hofdame, wurde aber schon bald wegen eines anderen von ihr verlassen,
  • vergaß seine Flamme dennoch nie und schrieb fortan in unzähligen Lesarten über
  • Liebe, Lust, Laster, Treue, Verrat und (Liebes-)Leid.

 

Orientierungslosigkeit und endgültige Heimkehr

Etwa um 1340 brach er das Studium ab, kehrte zurück nach Florenz, übernahm gelegentlich diplomatische Aufgaben, ging erneut nach Neapel und schlug seine Zelte – anlässlich des an der von 1348 bis 1350/53 ins Kraut schießenden Pest verstorbenen Vaters – 1348 endgültig wieder in Florenz auf.

 

Freundschaften und Beschäftigung mit der Antike

Dort lernte er Petrarca kennen, mit dem ihn bald eine tiefe Freundschaft verband, veröffentlichte das Prosawerk „Il Decamerone“, widmete sich, gemeinsam mit Petrarca und anderen der Kultur des klassischen Altertums, studierte Griechisch, beteiligte sich maßgeblich an der Übersetzung von Homers Ilias und Odyssee ins Lateinische und interpretierte – auf Wunsch des Rates der Stadt – in einer öffentlichen Lesung Dantes „Göttlicher Komödie“.

 

Sinneswandel, Alter und Tod

Mit dem Älterwerden änderte sich Boccaccios Einstellung zu seiner in jungen Jahren gepflegten leichtlebigen, lockeren und unbekümmerten Lebensweise. Giovanni Boccaccio zog sich auf sein Landgut in Certaldo/Toskana nahe Florenz zurück. Zu Beginn der 70iger Jahre des 14. Jahrhunderts verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Boccaccio verstarb 1375 – ein Jahr nach dem Tod Petrarcas.

Autor: Manfred Zorn

 

 

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