Wer war Johannes Calvin?

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine fünfundneunzig Thesen gegen den Ablass und die Ablasshändler an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg. Damit löste er die Reformation aus, was die von ihm ursächlich nicht beabsichtigte Spaltung der Kirche bedeutete.
In der Schweiz war es - nach Huldrych/Ulrich Zwingli (*1484/°1531) - Johannes Calvin (*1509/°1564), der sich für eine umfassende Veränderung der etablierten Kirche und die Ausbreitung des Protestantismus einsetzte.

 

Flucht aus Frankreich

Calvin, als Sohn eines bischöflichen Beamten in der Picardie im Norden Frankreichs geboren, fühlte sich den Lehren Jan Hus’ und Martin Luthers verbunden, studierte in Paris Rechtswissenschaft, trat 1533 zum evangelischen Glauben über und musste daraufhin ein, zwei Jahre später als verfolgter Ketzer aus Frankreich fliehen.

 

Von Basel nach Genf

Calvin ging nach Basel, verfasste dort - unter Einbeziehung der Theorien Martin Luthers und Ulrich Zwinglis - sein „Lehrbuch der christlichen Religion“ und kam dann, 1536, auf Veranlassung des dortigen Reformators Guillaume Farel (*1489/°1565) nach Genf.

 

Unerwünscht

Gemeinsam warben sie in der Stadt für eine strenge Gemeindeordnung, stießen damit auf wenig Gegenliebe und wurden 1538 aus Genf verwiesen.

 

Ein langer Atem zahlt sich aus

Nach gut zwei Jahren, Calvin hatte zwischenzeitlich eine Professur in Straßburg wahrgenommen und geheiratet, gewannen seine Anhänger die Ratswahlen in Genf, was ihn 1541 zur Rückkehr bewog und den Rat der Stadt zur Billigung seiner neuen Kirchenverfassung (-> „ordonnances ecclesiastiques“) hinreißen ließ.
Mit der Akzeptanz seines

  • 1542 verfassten „Genfer Katechismus’“,
  • seiner Lehre der Prädestination sowie
  • der von ihm geforderten und streng einzuhaltenden Sittenzucht, Sparsamkeit und Pflichterfüllung - also der Beugung des gesellschaftlichen Miteinanders unter das Dogma seiner Kirchenordnung -

durch die so genannten Strenggläubigen, brachte es Calvin über Jahre hinweg zu einer uneingeschränkten, ja, anscheinend geradezu despotisch ausgeübten - aber fraglos religiös legitimierten - Herrschaft über Genf.

 

Nachhaltigkeit

Johannes Calvin, der - neben Martin Luther - als einer der wichtigsten europäischen Reformatoren gilt und mit seinen Ideen das Denken, die Lebensweise und Geisteshaltung von Millionen Christen geprägt und beeinflusst hat, verstarb nach langem Leiden im Mai 1564.
Er wurde auf dem Friedhof von Plainpalais/Genf beigesetzt.

 

Anmerkung

Prädestination -> Vorherbestimmung, wonach der Mensch von Gott entweder zur Seligkeit oder, im negativen Fall, zur ewigen Verdammnis bestimmt ist

 

PS

Die nach dem Reformator aus der Schweiz benannte Lehre (-> Calvinismus) ist keineswegs als Konfession zu sehen, sondern wird in der Regel mit den Begriffen „reformierte Kirche“, „reformierte Theologie“ oder auch „evangelisch-reformierte Glaubenslehre“ bezeichnet.
Auf Calvins „Calvinismus“, eines sozusagen rigorosen calvinistisch-reformierten Protestantismus, berufen sich heute Kirchengemeinschaften in (unter anderen) der Schweiz, Frankreich, Ungarn, Schottland, den USA (-> Puritaner, Presbyterianer), den Niederlanden und in einigen Teilen Deutschlands.
In der Summe spricht man von etwa achtzig Millionen Gläubigen weltweit.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: Deutsche Geschichte, Band 3 (Bertelsmann Lexikon Verlag, 1998)
Calvin, Eine Biographie (Bernard Cottret; Quell Verlag Stuttgart, 1995)

 

 

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