Von wem stammt die erste Taschenuhr?

Nichts ist heute - um es mit der Toyota-Werbung von 1985 zu sagen - unmöglich.
Es ist noch nicht so lange her, dass Generationen von Schülern beigebracht wurde, die erste und älteste Taschenuhr sei die von Peter Henlein (*1479/°1542) aus Nürnberg.
Hergestellt etwa um 1510.

 

Hat er, oder hat er nicht?

Wie es aussieht, wurden vor kurzem die bereits schon seit längerem gehegten Zweifel an einer nachweislich von Henlein gefertigten Taschenuhr von einem Expertenteam des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg mittels modernster Technik - unter anderem mit der Computertomographie - bestätigt.

Danach soll die seit 1897 im Besitz des Museums befindliche so genannte „Henlein-Uhr“ keineswegs ein Unikat des gelernten Schlossermeisters sein, sondern möglicherweise lediglich ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengefügtes Konglomerat alter und neuer Uhrenteile.
Eine Reihe weiterer gravierender Unstimmigkeiten scheinen diese Annahme zu untermauern.

 

Wer aber war nun dieser Peter Henlein?

Schwer zu sagen, denn nicht viel ist über ihn bekannt.
Schon sein Geburtsdatum lässt sich nicht eindeutig bestimmen.
Die Angaben hierzu schwanken zwischen 1479 und 1485.

Zwar hat Henlein nachgewiesener Maßen (-> zum Beispiel lt. Unterlagen des Nürnberger Stadtarchivs) tatsächlich tragbare Uhren hergestellt, aber keine der heute noch erhaltenen Uhren können ihm anscheinend wirklich zugeschrieben werden.

Fakt allerdings scheint zu sein, dass Peter Henlein dreimal verheiratet war.
Auch eine 1504 gemeinsam mit einem Freund geführte Schlägerei mit Todesfolge des Kontrahenten ist verbrieft. Gegen einen vergleichsweise geringen Wiedergutmachungsbetrag an die Familie des Opfers wurden Henlein und Freund nach einem Jahre dauernden Gerichtsverfahren freigesprochen.

Hermann Henlein dagegen, Peters Bruder, wurde fatalerweise und zweifelsfrei zum Mörder, wurde gefasst und 1523 „per Kopf ab“ hingerichtet.

Peter kam über den Tod des Bruders nicht hinweg, machte sich der Denunziation eines Nürnberger Bürgers schuldig und musste dafür (->1524) einige Tage einsitzen.

Sieht man von diesen Turbulenzen im Leben Peter Henleins aber einmal ab, so scheint er doch eine angesehene Persönlichkeit und tüchtiger Handwerker der Stadt Nürnberg gewesen zu sein.

Neben der Tüftelei und Fertigung seiner Taschenuhren, so genannter „Bisamapfeluhren“ mit Unruh und Stahlfeder (also ohne Pendel/Regulator und Gewichte für den Antrieb), die sich großer Beliebtheit bei seiner hochherrschaftlichen Kundschaft erfreuten, wurde Henlein vom Nürnberger Rat (-> „Stadtregierung“) sogar mit der Anfertigung der Nürnberger Rathausuhr sowie einer Turmuhr in Lichtenau (-> heute: Landkreis Ansbach/Mittelfranken) betraut.

Einigermaßen wohlhabend und angesehen, verstarb Peter Henlein 1542 in seiner Geburtstadt.

Er mag zwar nicht der gewesen sein, auf den die im Germanischen Nationalmuseum zu besichtigende und lange Zeit als „älteste“ Taschenuhr betrachtete „Henlein-Uhr“ zurückzuführen ist, hat aber unbestreitbar einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung tragbarer Uhren geleistet ...

 

Übrigens

„Bisamäpfel“ haben nichts mit Obst zu tun. Es waren/sind - im Mittelalter ursprünglich aus dem Orient stammend - kunstvoll in Apfel- bzw. Kugelform gestaltete Schmuckgehäuse/Behälter zur Aufnahme von Duftstoffzubereitungen (-> z.B. Ambra, Moschus/Bisam).

Peter Henlein soll (angeblich) der Erste gewesen sein, der diese „Riechäpfel“ zur Aufnahme seiner kleinen Uhrwerke genutzt hat.
Daher der Name „Bisamapfeluhr“.

 

Apropos

Inzwischen wird von Uhrenexperten der vermutlich aus dem Jahr 1530 stammende Zeitanzeiger des Philologen, Theologen, Reformators und in Wittenberg verstorbenen Philipp Melanchthons (*1497/°1560) als nunmehr „älteste“  Kugeluhr ausgemacht.
Eine entsprechend auf Melanchthon hinweisende Inschrift soll diese Annahme unterstützen …

Autor: Manfred Zorn

 

 

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