Welche spanische Stadt blieb am längsten islamisch?

Granada. Das letzte Bollwerk der islamischen Mauren auf der spanischen Halbinsel fiel 1492. Also genau in dem Jahr, in dem Christoph Columbus für Spanien versehentlich Amerika entdeckte. Nach langer und zäher Belagerung gab der letzte Maurenkönig auf und übergab Festung und Stadt den christlichen Belagerern.

 

1492: ein magisches Jahr für die spanischen Christen

Schon rund 250 Jahre zuvor waren unter Ferdinand III. von León unter anderem Mérida und Córdoba rückerobert worden. Aber dann vergingen tatsächlich noch zweieinhalb Jahrhunderte, in denen in Südspanien in vergleichsweise enger Nachbarschaft Moslems und Christen lebten.

Nicht ganz zufällig fiel die endgültige Rückeroberung dann in die Regierungsgzeit von Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien. Beide waren erzkatholisch, papsttreu bis zur Unterwürfigkeit und in höchstem Maße intolerant gegen Andersgläubige. Sie hatten zuvor die Einzelreiche Kastilien und Aragon durch ihre Hochzeit vereint, und strebten nun einen spanischen Nationalstaat an.

Der erste große Erfolg war 1487 die Eroberung Malagas. Dann kam das für Spanien magische Jahr 1492 und neben der Entdeckung eines neuen Kontinents wurde auch Granada befreit.

 

Intoleranz und Hass

Befreit? Was die Christen insbesondere nach dieser Phase mit der verbliebenen maurischen Bevölkerung anstellten, ist an grauenhaften Einzelheiten kaum zu überbieten und verbietet eigentlich das Wort von der Befreiung. Aber unsere katholisch geprägte Geschichtsschreibung hat den Begriff von den "bösen Mauren" und den "guten Christen" so zementiert, dass die Sinnhaftigkeit dieser Beurteilung kaum noch in Frage gestellt wird.

Wegen ihrem tief verwurzelten Hass gegen alle Andersgläubigen wurden nach 1492 zahlreiche kulturelle Errungenschaften der Mauren von den katholischen Machthabern und Kirchenvertretern systematisch vernichtet. Etwa 1 Million Bücher wurden verbrannt, unabhängig davon, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sie enthielten (und die islamischen Völker waren zu dieser Zeit nachweislich sehr viel weiter entwickelt als die frisch dem Mittelalter entschlüpften Europäer).

 

Schreckensherrschaft nach der "Befreiung"

Aber es brannten nicht nur Bücher, es brannten auch Menschen. Wer muslimischen Glaubens war und nicht konvertieren wollte, war dem Tode geweiht. Die Inquisition wurde eingeführt, tausende Menschen wurden erst gefoltert und dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die anderen wurden öffentlich gedemütigt, unterdrückt, vertrieben oder versklavt. Die islamische Bevölkerung durfte ihre Kleidung nicht mehr tragen, ihre Gebräuche nicht mehr anwenden, sogar die arabische Sprache wurde verboten.

Wenn man sich dann noch vor Augen führt, was die christlich-spanischen Konquistadoren zeitgleich in Amerika mit den "ungläubigen" Indianern anstellten, fällt es einem schwer, an eine moralische Überlegenheit der Katholiken zu glauben.

 

Glimpflicher Ausgang für den hässlichen Boabdil

Weniger schlimm endete die Geschichte übrigens für den letzten Maurenfürsten auf der iberischen Halbinsel. Sein Name: Boabdil, von den Spaniern wegen seiner kleinen hässlichen Gestalt der "Kleine Unschöne" genannt (eigentlich hieß er Abul Hassan Ali Abu Abdallah, aber das konnten sich die Europäer nicht merken). Nach der Übergabe Granadas durfte er ungeschoren zurück nach Marokko und lebte dort noch sagenhafte 44 Jahre. Man kann eben auch hässlich sehr alt werden. Aber das nur am Rande.

Autor: Dr. Jörg Zorn

 

 

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