Was hatte Karl der Große gegen seinen Bruder Karlmann einzuwenden - oder umgekehrt?

Die historischen Quellen sind in dieser Angelegenheit widersprüchlich. Und das scheint mit dem Geburtsdatum Karls des Großen zu tun zu haben. Lange herrschte über den Zeitpunkt der Geburt Karls des Großen eine gewisse Uneinigkeit. Inzwischen gibt es darüber mindestens zwei Mutmaßungen. Eine ältere und – die Forschung schläft nicht – eine neuere Version.

 

Konkubine und Bastard

Nach der älteren Auffassung soll Karl (der Große) um 742 unehelich zur Welt gekommen sein. Hervorgegangen aus dem etwa zum gleichen Zeitpunkt bestehenden Konkubinat seines Vaters, Pippin III., des Jüngeren/des Kurzen, mit Bertrada der Jüngeren aus dem Hause Laon.
Erst etwa sieben/acht Jahre später, 749, soll Pippin dann ernst gemacht und die Verbindung durch Eheschließung legitimiert haben.
Dieser Lesart zur Folge mag es durchaus Sinn machen anzunehmen, der um 751 geborene Karlmann habe eine gepflegte Animosität gegenüber seinem Bruder Karl (dem Großen) entwickelt. Gegipfelt habe diese Abneigung in ständigen Anwürfen im Hinblick auf Karls (angeblich) unehelicher Herkunft bis hin zur abwertenden Titulierung Bastard – also aus nicht standesgemäßer Geburt stammend.

 

Rechtmäßige Ehe und standesgemäße Geburt

Aber, so spannend diese Geschichte sein mag – alles Quatsch, heißt es heute.
Mittlerweile wird seitens der Historiker mehrheitlich das Jahr 747 - oder auch 748 - als verbindliches Geburtsdatum Karls des Großen angenommen; die Eheschließung Pippins III. mit Bertrada dieser Modifikation zur Folge entweder sogar bereits auf das Jahr 741 oder – noch eine Variante – erst etwa auf das Jahr 744 festgelegt.
Egal, ob nun 741 oder 744!
In beiden Fällen erweisen sich Karlmanns Beschimpfungen als obsolet, wenn gleichzeitig die Geburt Karls des Großen auf die Jahre 747/748 datiert wird.

 

Verweigerte Gefolgschaft

Wie auch immer. Das alles ist bald dreizehn Jahrhunderte her.
Und trotzdem!
Folgt man den Chronisten, soll das brüderliche Verhältnis durchaus von persönlicher Abneigung und politischer Rivalität geprägt gewesen sein. Einmal abgesehen von den in diesen Kreisen üblichen Querelen um das väterliche Erbe, soll die vehemente Weigerung Karlmanns, den Bruder 768/769 im Zwist mit den aufständischen Aquitaniern zu unterstützen, das Fass zum Überlaufen gebracht haben.
Spätestens jetzt war das eh schon angespannte Verhältnis irreparabel gestört.

 

Abwarten und aussitzen 

Aber, Karl der Große bewies Haltung und blieb beherrscht. Er erledigte die Angelegenheit mit Aquitanien im Alleingang, überstand mehr oder weniger gelassen die von seiner Mutter, Bertrada, angestrebte Heirats- und Verwandtschaftspolitik mit einer der Töchter des langobardischen Königs Desiderius – und atmete nichtsdestoweniger auf, als Karlmann plötzlich und unerwartet etwa um 771 nach kurzer Krankheit verstarb ...

Autor: Manfred Zorn

 

 

 

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