Wer gründete wann und warum das Internationale Rote Kreuz?

Das "Internationale Rote Kreuz", genauer: Das "Internationale Komitee vom Roten Kreuz", wurde 1863 vom Schweizer Kaufmann Henry Dunant (1828-1910) ins Leben gerufen. Dieser Gründung vorausgegangen war 1859 Dunants Konfrontation mit den Toten und Verwundeten der Schlacht von Solferino (nahe Mantua in der Lombardei/Italien).

Geburt, Elternhaus, Schule, Lehre, Unternehmer

Henry, der eigentlich Jean-Henri hieß, seinen Vornamen aber mit sechsundzwanzig Jahren in Henry ändern ließ,

  • wurde 1828 in Genf geboren,
  • wuchs mit vier Geschwistern in einem wirtschaftlich privilegierten Elternhaus wohlbehütet auf,
  • trat mit Achtzehn, wohl auch geprägt vom karikativen und mitmenschlichen Engagement der Eltern,  der Gesellschaft für Almosenspenden bei,
  • gründete ein Jahr später die so genannte Donnerstags-Vereinigung – aus der später, wieder mit Henrys Beteiligung – der Weltbund des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) hervorging,
  • verließ, wegen schlechter Noten, vorzeitig das Gymnasium,
  • begann stattdessen ein Banklehre,
  • wechselte 1853 zu einem Handelsunternehmen,
  • bereiste Nordafrika und
  • gründete 1856 schließlich selbst ein Unternehmen in Algerien.

Geschäftsmodell, Bürokratismus und Kontaktsuche

Angedacht war, das dort reichlich angebaute Getreide in eigenen Mühlen zu verarbeiten und als Mehl zu vermarkten. Das allerdings gestaltete sich schwierig. Die notwendigen Anträge und Gesuche versickerten in den Untiefen der Bürokratie. Da half auch seine zwischenzeitig angenommene französische Staatsangehörigkeit nichts.

Also beschloss Henry, ein persönliches Gespräch mit Napoleon III. (1808-1873) zu suchen, der zu diesem Zeitpunkt die Unabhängigkeitsbestrebungen der italienischen Freiheitsbewegung gegen Österreich-Ungarn unterstützte, und sich zu diesem Zweck, im Juni 1859, in der Provinz Mantua/Lombardei aufhielt.

Pragmatisch, hilfsbereit und selbstlos

Nun ist durchaus anzunehmen, dass Henry Dunant nach der Schlacht von Solferino tatsächlich auf den Kaiser traf, weniger allerdings, dass beide über Henrys Geschäfte geplaudert haben. Dazu waren Ort und Zeit, also das Schlachtfeld nach der Niederlage der Österreicher, zu sehr geprägt von unzähligen Toten und Verwundeten. Über 40.000 sollen es gewesen sein.

Erschreckt von der Brutalität des Krieges und berührt vom Leid der Verletzten, denen niemand zu helfen schien, packte Henry – frei nach Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832): Edel sei der Mensch, hilfreich und gut – höchstpersönlich mit an.

Er rekrutierte Helferinnen und Helfer, initiierte die Einrichtung von Lazaretten und sorgte für gleichberechtigte Behandlung der Verletzten beider Parteien. Egal, ob zuvor Freund oder Feind.

Wenig später, nach einigen Wochen und Monaten Ruhe und Erholung – unter anderem in Montreux/Schweiz – veröffentlichte Henry Dunant 1862 sein Buch Un souvenir de Solferino (Eine Erinnerung an Solferino), in dem er den Gedanken zu einer neutral gestalteten Verletztenhilfe anstößt. Mit Erfolg.

Im Februar 1863 wurde das Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundeten-Pflege aus der Taufe gehoben, das 1876 in Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) umbenannt wurde.

Niedergang

In den darauffolgenden Jahren wurde es ungemütlich für Henry Dunant. Zwar erhielt er noch die eine oder andere Ehrung – so wurde ihm zum Beispiel von Kaiser Napoleon III. der Orden der französischen Ehrenlegion verliehen – aber die Geschäfte liefen immer schlechter. Das Geld, investiert in seine Idee vom Nationen übergreifenden Dienst am verletzten Soldaten, war futsch. Henry war blank.

Und sein ohnehin schon in Misskredit geratenes Standing im von ihm wesentlich mit in Gang gesetzten IKRK schwand rapide, als er im August 1868 in Genf wegen Insolvenzverschleppung verurteilt wurde.

Kurzum, die Führungscrew des Komitees – unter maßgeblicher Federführung ihres Präsidenten Gustave Moyniers, der Henry Dunant eh nicht leiden konnte – entschied, den Philanthropen Henry aus der Organisation des Internationalen Roten Kreuzes auszuschließen.

Endgültiger Absturz und der Versuch dran zu bleiben

Was blieb? Henry Dunant verließ Genf, ging nach Paris, lebte über Jahre unter ausgesprochen ärmlichen Verhältnissen, um nicht zu sagen, er war sprichwörtlich auf den Hund gekommen, blieb aber trotz allem seiner fast schon obsessiven Leidenschaft, dem Gemeinwohl zu dienen, treu.

Er arbeitete als Journalist, schrieb Artikel, in denen es – weit gefasst – um Schutz und Förderung der wirtschaftlich Schwachen ging, gründete 1870/71, während des Deutsch-Französischen Krieges, eine Allgemeine Fürsorgegesellschaft sowie eine Allgemeine Allianz für Ordnung und Zivilisation mit dem hehren Ziel, das menschliche Miteinander in der Gemeinschaft verbessern zu wollen und wurde 1874 zum Internationalen Sekretär der Gesellschaft für die Verbesserung der Bedingungen der Kriegsgefangenen ernannt.

Gleichwohl, so recht hat ihm das alles nicht geholfen. Seine persönliche Situation blieb prekär. Leidlich aufgefangen vor dem endgültigen Absturz, wurde Henry dank einer Handvoll wohlmeinender Freunde und Verwandte.

Aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden

Henry Dunant, und damit auch sein unermüdliches Wirken für eine humanere Welt, geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

Nach einer etwa zwölfjährigen Odyssee durch verschiedenste Gegenden Süddeutschlands, Italiens und Griechenlands, aber auch weiterhin misslichen Umständen, schlug der knapp Sechzigjährige 1887 schließlich seine Zelte in Heiden (Appenzellerland/Schweiz) auf.

Späte Genugtuung, Krankheit und Tod

Und, wie das Leben so spielt – dort in Heiden traf er auf einen interessierten Journalisten, dessen späterer Zeitungsbericht ihm, Henry Dunant, endlich wieder zu verschiedenen Ehrungen bis hin zum Friedensnobelpreis 1901 verhalf.

Obwohl nun quasi rehabilitiert, verblieb Henry weiterhin in dem kleinen Ort Heiden. Sozusagen in selbstgewählter Abgeschiedenheit und geplagt von Depressionen sowie einer nicht zu unterschätzenden Paranoia, verstarb Henry Dunant im Oktober 1910 in Heiden, fand aber seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich.

Fazit

Fast jede seiner Anregungen und die eine oder andere tatsächliche Umsetzung, sind noch heute präsent oder wurden weiterentwickelt. Wie beispielsweise das Internationale Rote Kreuz, der CVJM, sein früher Einsatz gegen die Sklaverei sowie für die rechtliche Gleichstellung der Frauen und/oder seine Idee einer "Internationalen Universalbibliothek". Ein Plan, der – besser spät, als gar nicht – letztlich 2009 mit der Einrichtung einer "Digitalen Weltbibliothek" der UNESCO realisiert wurde. Alles zusammen zeigt, dass Henry Dunant mit seinen richtungsweisenden Vorstellungen bemerkenswerte Maßstäbe gesetzt hat.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: „Glorious Book for Heros“ (Ian & Jeff Kennedy / Verlagsgruppe Random House – cbj)

 

 

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