Postfaktisch – was bedeutet dieses Wort eigentlich? Eine Frage, zwei unterschiedliche Antworten!

Antwort 1

„Postfaktisch“ ist ein aus den Silben „post“ („nach“) und „fak-tisch“ („tatsächlich/wirklich“) zusammengesetztes Kunstwort. Es wird, so lässt sich unschwer beobachten, seit einiger Zeit in Politik, Medien und Gesellschaft gleichsam inflationär benutzt.

Versuch einer (theoretischen) Definition

Der Begriff soll, so lautet die gängige Interpretation, ausdrücken, dass Fakten (lat.: factum = Tatsache) in weiten Teilen der Gesellschaft scheinbar zu vernachlässigen sind. Vielmehr scheinen sich die Menschen – unabhängig vom Wahrheitsgehalt einer Aussage – allein von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Das Adjektiv „postfaktisch“ steht also, anderes gesagt, in der öffentlichen Meinung beispielsweise für die Beschreibung einer eher auf subjektivem Empfinden beruhenden als auf objektiven Fakten/Tatsachen basierenden Beurteilung politischen Handelns.

Wo wird heute gern "blauer Dunst" verbreitet?

Diese von diffusem Frust getragene Stimmung derjenigen, die sich von „denen da oben“ in Stich gelassen fühlen, lässt sich gegenwärtig in weiten Teilen Europas – zum Beispiel in

  • Österreich (FPÖ),
  • Großbritannien (UK Independence Party/UKIP),
  • Ungarn (Fidesz/Ungarischer Bürgerbund),
  • Frankreich (Front National),
  • den Niederlanden (Partij voor de Vrijheid/Partei für die Freiheit),
  • Polen (PiS),
  • Deutschland (AfD) und den
  • Vereinigten Staaten (Präsidentschaftswahl 2016) –

beobachten, und wird von den jeweils handelnden Protagonisten bewusst aggressiv populistisch, also von Fakten unbelastet für ihre Zwecke genutzt und eingesetzt. Selbst eine offensichtlich die Tatsachen entstellende Stimmungsmache unter Verwendung abstruser Verschwörungstheorien scheint dabei keine Rolle zu spielen.

An die Richtigkeit eines Sachverhalts, also etwas, das – umgangssprachlich – tatsächlich „in echt“ vorliegt oder geschehen ist, wird kein weiterer Gedanke verschwendet. Stattdessen werden schlichte Lösungen für komplizierte Tatbestände und Gegebenheiten angeboten. Fakten hin oder her.

Ein Umstand, der den geneigten Betrachter durchaus dazu neigen lässt zu sagen: „Wehret den Anfängen …“

PS

„Postfaktisch“ entspricht im Englischen dem Adjektiv „post-truth“. Beide Wörter wurden 2016 sowohl in Großbritannien (Oxford Dictionaries) als auch in Deutschland (Gesellschaft für deutsche Sprache/GfdS) zum internationalen/nationalen Wort des Jahres gekürt.

Autor: Manfred Zorn

 

Antwort 2

Postfaktisch – was bedeutet das?

Der Begriff „postfaktisch“ bedeutet grob übersetzt, dass eine Aussage sich wenig an die Fakten hält, sondern die Fakten verbiegt, um eine möglichst hohe Wirkung zu erzielen. Die postfaktische Aussage zielt also vor allem auf die Emotionen, die die Aussage erzielt – und ignoriert aus diesem Grund gern mal die Wahrheit.

Soweit die „offizielle“ Definition. Wichtiger als diese Erklärung ist, wie der Begriff entstanden ist.

Die da“ sind postfaktisch

Dass „postfaktisch“ 2016 zum Wort des Jahres gewählt wurde, hat einen politischen Hintergrund. Schaut man nämlich genauer hin, wird dieser Begriff nur von einer ganz kleinen Minderheit verwendet. Nämlich von einigen der etablierten Politiker (GroKo), einigen etablierten Fernsehmoderatoren und einigen etablierten Journalisten. Warum ist hier das Adjektiv "etabliert" so wichtig? Weil diese etablierten Meinungsbildner das Wort "postfaktisch" vor allem dazu verwenden, Andere, die von diesem etablierten Meinungsbild abweichen, abzuqualifizieren.

Postfaktisch verhalten sich demnach vor allem

  • Donald Trump
  • Brexit-Befürworter
  • Politiker, die die Merkelsche Flüchtlingspolitik kritisch sehen
  • alle AfD-Vertreter
  • alle AfD-Wähler

Allen Genannten wird praktisch unisono vorgeworfen, die Wahrheit zu verbiegen. Oder verbogene Wahrheiten völlig unkritisch zu übernehmen (AfD-Wähler, Brexit-Wähler).

Wer Andere Populisten nennt, ist selbst ein Populist

Damit ist postfaktisch vor allem eines: ein Kunstbegriff, der unbequeme Meinungen, die der aktuell in Deutschland etablierten Meinung entgegenlaufen, abqualifiziert. "Das ist ja ein Populist" oder "Das ist postfaktisch" reicht dann aus, um klarzustellen: "Wir haben Recht".

Was dabei übersehen wird: Die Wahrheit zu verbiegen ist kein besonderes Merkmal rechtsgerichteter Politiker. Natürlich gibt es unter diesen Einige, die tatsächlich lieber mal einen plakativen Slogan raushauen als mühsam bei der Wahrheit zu bleiben. Aber das tun Vertreter von CDU und SPD auch.

Was dabei auch übersehen wird: Wer andere populistisch nennt, verhält sich selbst populistisch. Denn damit qualifiziert er den Anderen mit einem negativ besetzten Begriff ab und gibt sich damit gleichzeitig das Recht, sich nicht mehr groß mit den Meinungen und Inhalten des Anderen beschäftigen zu müssen.

Pressefreiheit?

In diese Falle tappen leider auch viele unserer "ach so neutralen" Moderatoren aus ARD und ZDF. Spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise wirken viele von ihnen so, als hätten Sie ein gemeinsames Wochenend-Seminar zum Thema "Wer ist gut, wer ist böse" besucht, so gleichgeschaltet wirken ihre Meinungsäußerungen:

  • Gut ist die Merkelsche Flüchtlingspolitik.
  • Böse sind alle, die sich mit Thesen von CSU und AfD anfreunden können.
  • Gut ist der Westen.
  • Böse ist Putin.
  • usw

Auch das ist Populismus pur. Und zwar genau von denjenigen, die das Anderen immer vorhalten.

"Das gefährdet die Demokratie"

Am deutlichsten wird das übrigens bei einem anderen Lieblingssatz deutscher Fernsehjournalisten und GroKo-Politiker: "Das ist nicht demokratisch" oder "Das gefährdet unsere Demokratie". Adressaten sind meistens Vertreter der AfD oder auch mal Donald Trump.

Das Groteske dabei: Sowohl die AfD als auch Donald Trump als auch die vielen anderen sogenannten Rechtspopulisten wurden und werden demokratisch gewählt. Sich dann als Gegner dieser politischen Richtung hinzustellen und zu sagen, "Das gefährdet unsere Demokratie" ist eine sehr eigenartige Interpretation. Sie besagt unterm Strich: "Demokratie ist gut, solange alle meiner Meinung sind".

Autor: Dr. Jörg Zorn

 

 

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