Gab es außer dem 5. Kreuzzug von 1228-1229 noch andere 5. Kreuzzüge?

Ja, in der Tat, die gab es. Aber die Angelegenheit ist verwirrend. Die Interpretationen in den Geschichtsbüchern gehen hier auseinander. Eine Einigung scheint nicht in Sicht, was eine etwas längere Betrachtung an dieser Stelle daher leider erforderlich macht.

Fakt ist, dass es in der Tat zwischen dem 4. Kreuzzug (1202-1204) und dem offiziell als Nummer 6 festgelegten Kreuzzug (1248-1254) noch ein paar andere gab, deren Teilnehmer sich – statt unter der Fahne – unter dem Kreuz versammelten, um im Namen Christi gegen die vermeintlichen (moslemischen) „Heiden“ ins Feld zu ziehen.

So machten sich zum Beispiel:

  • 1212 tausende verblendete Kinder, Jugendliche und mehr oder weniger ungebildete Erwachsene, vornehmlich aus Deutschland und Frankreich, auf in Richtung Jerusalem. Dort kamen sie allerdings nie an. Bereits in Italien soll sich dieser – Kinderkreuzzug genannte – Marsch im Nichts verflüchtigt haben.
  • Im Jahr 1209 machte sich Papst Innozenz III. (*etwa 1160/°1216) für einen Kreuzzug gegen die Katharer (-> nach Albi, einer ihrer Städte, auch Albigenser genannt) in Okzitanien (-> Südfrankreich) stark. Die Katharer waren Christen, setzten sich jedoch durch Glaubenstoleranz, Friedfertigkeit, Sittsamkeit und ihre schlichte, aufrechte Lebensweise deutlich von den „Papstchristen“ ab. Das konnte der Kirche, dem Papst, nicht gefallen. Kurzerhand wurden die Katharer als vom rechten Glauben abfallend (-> Häretiker) und als Ketzter gebrandmarkt. Es galt, sie zu vernichten. Also zogen etwa zehntausend (angeblich) rechtgläubige Rittersleute aus deutschen, französischen und österreichischen Landen im sogenannten Albigenserkreuzzug (1209-1229) nach Okzitanien. Was während dieser Jahre in Südfrankreich von Christen Christen angetan wurde, lässt sich durchaus mit dem Begriff Genozid beschreiben.
  • Und dann ging es im Kreuzzug von Damiette (1217-1221) mit Billigung der Kirche erneut gegen Jerusalem und damit gegen Saladins Bruder, Sultan al-Adil, der zu der Zeit Herrscher des Ayyubiden (-> muslimische Dynastie kurdischer Herkunft; hauptamtlich von Ägypten aus agierend) Reiches war. Da die Belagerung Jerusalems erfolglos blieb, entschloss man sich, stattdessen den Ayyubiden in Ägypten den Marsch zu blasen. Zwar wurde die Stadt Damiette (-> Hafenstadt am Nildelta/Ägypten) eingenommen, aber die Absicht, en passant auch Kairo zu erobern, scheiterte kläglich. Die Kreuzfahrer mussten unverrichteter Dinge abziehen. Aber  jetzt kommt:
  • der „wahre“ 5. Kreuzzug, der als Kreuzzug Friedrichs II. (1228-1229) in die Geschichtsbücher Eingang gefunden hat, obwohl – hin und wieder wird auch der Kreuzzug von Damiette mit dem des Friedrichs in Verbindung gebracht, andere dagegen halten des Staufers Kreuzzug für den 6. Ziemlich verzwickt also, diese Kreuzfahrerei. Egal, widmen wir uns kurz dem Stauferkaiser Friedrich II. Der hatte bereits 1215 Papst Innozenz III. seine Bereitschaft erklärt, an einem Kreuzzug teilnehmen zu wollen, sich aber nicht an sein Versprechen gehalten. Gegenüber Papst Honorius III. (-> Papst von 1216-1227) erneuerte Friedrich 1225 zwar seine Zusage, verschob allerdings 1227 seine Abreise aufs Neue, woraufhin ihn der nächste Papst, Gregor IX. (-> Papst von 1227-1241), in Acht und Bann legte. Dessen ungeachtet, machte sich Friedrich II. endlich 1228 – ohne den Segen des Papstes – per Schiff auf nach Jerusalem. Aber, statt mit Waffengewalt, gelang es Friedrich auf diplomatischem Wege und in zähen Verhandlungen mit Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik eine sowohl für Christen, als auch Muslime tragbare Lösung zu finden. Dieser 5. Waffengang, der Dank Friedrich keiner war, gilt als der friedlichste aller bisherigen und noch folgenden Kreuzzüge. Soweit so gut, aber immer noch nicht am Ende – denn es folgte:
  • der Kreuzzug der Barone (1239-1241). So genannt, weil überwiegend Adlige aus England und Frankreich - ohne persönliche Mitwirkung ihrer jeweilig regierenden Machthaber – daran teilnahmen. Genau genommen bestand dieser Kreuzzug sogar aus zwei Unternehmungen. Die erste unter Führung des Grafen Theobalds von Champagne (-> *1201/°1253; ab 1234 König Theobald I. von Navarra) fand in den Jahren 1239/1240 statt, die zweite schloss sich nahtlos – 1240/1241 – daran an, und wurde angeführt von einem gewissen Richard von Cornwall (*1209/°1272). Erfolgreich waren die beiden letztlich deswegen, weil es ihnen gelang – unter Ausnutzung der Zwistigkeiten unter den Ayyubiden – schließlich ein Neutralitätsabkommen mit Sultan as-Salih Ayyub von Kairo zu schließen, das ihnen im Gegenzug einen nicht unerheblichen Geländegewinn im „Heiligen Land“ einbrachte.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: Deutsche Geschichte - Bd. 1 (Bertelsmann Lexikon Verlag)

 

 

 

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