Wer war Heinrich I., der Vogler?

Heinrich (*um 876/°936) stammte aus Sachsen. Und zwar aus der sächsischen Dynastie der Liudolfinger, die es durch Wohlverhalten während und – im Besonderen – nach Karls des Großen Sachsenkriegen (772 bis 804) nicht nur in den Adelsstand geschafft, sondern im west- und nördlichen Harzvorland auch zu nicht unerheblichem Grundbesitz gebracht hatte.

Von Liudolf zu Heinrich

Das geschichtswissenschaftlich als ältestes des Familienclans der Liudolfinger identifizierte Mitglied war, so heißt es, ein gewisser Herzog Liudolf, dessen Herkunft und plötzliches Auftauchen wie Kai aus der Kiste die Historiker noch heute vor ein Rätsel stellt, aber nichtsdestotrotz als Großvater Heinrichs gilt.

Liudolf hatte zwei Söhne, von denen Otto der Erlauchte (*um 866/°912) der Vater Heinrichs war. Mit dem Tod Ottos des Erlauchten 912, übernahm Heinrich die sächsische Herzogswürde.

Was aus dem "Fränkischen Reich" wurde

Zu dieser Zeit lag das fränkische Reich der Karolinger bereits in Agonie. Es war in fünf von Adelsfamilien regierten Königreiche zerfallen: West- und Ostfranken, Hoch- und Niederburgland sowie Italien.

Der Name „Franken“ hat in der Namensgebung „Frankreichs“ bis heute überlebt; aus dem „ostfränkischen“ Reich wurde später das „Heilige Römische Reich“, und erhielt noch etwas später den Zusatz „Deutscher Nation“.

Ungarische Reiterhorden und ein resignierender König

Ebenfalls in die Herzogszeit Heinrichs – etwa zwischen 911/12 und 918/19 – fielen zahlreiche Ein- und Überfälle ungarischer Reiterhorden, vorzugsweise in die vier Herzogtümer Schwaben, Bayern, Franken und Sachsen des ostfränkischen Reiches.

Dieser brandschatzenden Bagage, vermochte allerdings der dort seit 911 amtierende König Konrad I., der Jüngere (*um 881/°918) – aus der Adelsfamilie der Konradiner – wenig bis nichts entgegenzusetzen.

Eine weitsichtige Entscheidung

Vermutlich wegen seiner Einsicht in die Ausweglosigkeit seiner schwachen Machtstellung sowohl gegenüber den Stammesherzögen, als auch in der Auseinandersetzung mit den marodierend die Grenzen des Reiches überschreitenden Ungarn, soll Konrad (angeblich) – bereits auf dem Sterbebett liegend – seinem Bruder Eberhard das Versprechen abgenommen haben, also Eberhard in der Nachfolge außen vor lassend, dem Sachsenherzog Heinrich die Übernahme der Königskrone anzutragen.

Ob sich nun diese Geschichte mit Konrad, dem Sterbebett, Eberhard und Heinrich tatsächlich so zugetragen hat, ist bisher nicht eindeutig bewiesen. Egal!

Heinrich bringt Schwaben und Bayern "in die Spur"

Kurz darauf, im Mai 912, wurde Heinrich in Fritzlar – unter Verzicht auf die Königssalbung und somit sozusagen als „primus inter pares“ – zum König des Ostfrankenreichs gekürt.

Obwohl die Wahl Heinrichs zum "ersten deutschen" König im weitesten Sinne von Franken und Sachsen anerkannt wurde, opponierten im Besonderen allerdings noch die Schwaben und Bayern gegen ihn.

Die Anerkennung des Schwabenherzogs Burkhard/Burchard II. (*um 884/°926) und des Gegenkönigs Arnulf I. von Bayern (*?/°937) – die aber beide später trotz allem von ihm mit wichtigen und bedeutenden Ämtern betraut wurden – erlangte Heinrich schon bald nach Herrschaftsantritt mit Diplomatie (Bayern) und militärisch (Schwaben).

Tauziehen um Lothringen

Die ständig andauernden Zwistigkeiten um Lothringen, löste Heinrich per Freundschaftsvertrag mit dem westfränkischen König Karl (III.) dem Einfältigen (*879/°929).

Darin erkannten beide Protagonisten gegenseitig ihr Herrschaftsgebiet an; im Gegenzug verzichtete Heinrich auf Lothringen. Aber nicht lange.

Denn 922 hatte sich die Situation geändert, und führte in den folgenden Jahren zu einem Machtpoker zwischen Heinrich I., Karl dem Einfältigen, einem gewissen Roberts von Franzien/Robert I. von Frankreich (*866/°923), Rudolf von Burgund (*um 890/°936) und dem Herzog Giselbert (II.) von Lothringen (*um 890/°939).

Letzterer erkannte schließlich 925 Heinrichs Herrschaft über Lothringen an, und besiegelte die leidige Angelegenheit 928/29 mit der Heirat Gerbergas, Heinrichs Tochter.

Waffenstillstand, Runderneuerung, Siege und Renommee

Etwa um 926 herum gelang es Heinrich, gegen Tributzahlung einen neunjährigen Waffenstillstand mit den Ungarn abzuschließen.

Diese Jahre wurden zum Aus- und Umbau von – unter anderem – Wallanlagen, Klöstern, Burgen u.ä.m. ("Burgenordnung") genutzt. Das Militär wurde neu strukturiert und eine effiziente Kavallerie aufgebaut.

Zwischendurch, 928/29, unterwarf Heinrich die Elbslawen, um dann schließlich und endlich (es hatte keine neun Jahre gebraucht) 933 gegen die Ungarn vorzugehen, die er in der Schlacht bei Riade (vermutlich unweit von Merseburg an der Saale/Sachsen-Anhalt) vernichtend schlug. Damit nicht genug, eroberte Heinrich Brennabor (Brandenburg), gründete die Burg Meißen und nahm 934 auf seinem Dänenfeldzug Haithabu an der Schlei (Schleswig-Holstein) in Besitz.

Alles Umstände, die Heinrichs I. eh schon guten Ruf – nämlich durch geschickte Politik das Ostfränkische Reich zusammengehalten zu haben – endgültig festigte.

Heinrichs I. so genannte "Hausordnung"

Heinrich I. war zweimal verheiratet.

Von 906 bis 908/09 mit der Tochter eines angesehenen und vermögenden Grafen aus Merseburg (Sachsen-Anhalt) namens

  • Hatheburg und ab 909 – Hatheburg wurde zurück ins Kloster geschickt, der gemeinsame Sohn Thankmar Jahre später mit knapp vierzig Jahren auf der Eresburg (Hochsauerlandkreis) erschlagen, das in die Ehe gebrachte Vermögen Hatheburgs allerdings von Heinrich einbehalten – mit
  • Mathilde (der Heiligen) von Ringelheim (geb.*895 in Enger/Westfalen/°968 in Quedlinburg).

Für Mathilde schuf Heinrich mit einem bereits zu Lebzeiten verfassten Urkundentext („Hausordnung“) die Rechtsgrundlage für die Versorgung seiner Gemahlin nach seinem Tod.

Und im Beisein hoher Würdenträger aus Staat und Kirche sowie seines Sohnes Otto (I), ließ Heinrich 929 seine Weisung, die auch seinen erstgeborenen Sohn Otto zu seinem Nachfolger einschloss, in Quedlinburg sozusagen für „rechtskräftig“ erklären.

Von Mathilde bekam Heinrich fünf Kinder:

  • die Töchter Gerberga und Hadwig sowie die
  • Söhne Otto (Kaiser Otto I. der Große), Heinrich (Herzog von Bayern) und Brun (Erzbischof von Köln).

Hinterlassenschaft

Als Heinrich 936 in der Kaiserpfalz Memleben (Burgenlandkreis/Sachsen-Anhalt) verstarb und in Quedlinburg (Landkreis Harz/Sachsen-Anhalt) beigesetzt wurde, hinterließ er ein über alle deutschen Stämme geeintes Reich.

Heinrich I. gilt heute nicht nur als Begründer der sächsischen Königsdynastie und als „erster deutscher König“, sondern im weitesten Sinne auch als  „Vorbereiter“ des späteren Heiligen Römischen Reiches (Deutscher Nation).

PS 1:

Wenn im Zusammenhang mit dem Mittelalter von Sachsen die Rede ist, hat das nichts mit dem heutigen Bundesland, dem Freistaat Sachsen, zu tun.

Unter den Sachsen zu Zeiten Karls des Großen sowie auch der Liudolfinger/Ottonen, sind vielmehr die Vorfahren der heutigen Niedersachsen zu verstehen. Die Stämme der (Nieder-)Sachsen lebten seinerzeit – weit gefasst – im Nordwesten der heutigen Bundesrepublik und im östlichen Teil der heutigen Niederlande.

PS 2:

Als Heinrich 919 zum König des Ostfrankenreichs gekürt wurde, war er im Sinne des Begriffs eigentlich noch kein Ottone.

Zwar wurde bereits zu Zeiten der drei nach Heinrich aufeinander folgenden Ottos (des I., II. und III.) von den so genannten „drei Ottonen“ gesprochen, dieser Ausdruck aber erst im Nachhinein in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen.

Später wurde die Bezeichnung Ottonen von Historikern sogar sowohl auf Otto I. "den Erlauchten" als auch auf Heinrich I. "den Vogler" sowie auch Heinrich II. "den Heiligen" (*um 973-978/°1024) angewandt.

PS 3:

Der Namenszusatz „der Vogler“ ist nicht bewiesen, entstammt der Legende und soll – so heißt es – in Wirklichkeit auf das 1835 von Johann Nepomuk Vogl verfasste Gedicht „Herr Heinrich sitzt am Vogelherd“ zurückzuführen sein.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: Deutsche Geschichte, Bd.1 (Bertelsmann Lexikon Verlag)

 

 

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