Otto I. der Große – was trieb ihn dreimal nach Italien?

Zum ersten Mal reiste Otto I. 951 nach Italien. Ein zweites Mal hielt er sich dort zwischen 961 und 965 und – aller Dinge sind drei – nochmals zwischen 966 und 972.

Erster Aufenthalt

Von wem er 951 dorthin gerufen wurde oder auch nicht, ist bisher nicht eindeutig geklärt.

Vielleicht war es der Langobardenkönig Lothar von Italien der seine Hilfe benötigte? Oder war es möglicherweise Adelheid von Burgund, die vom Markgrafen Berengar II. von Ivrea (Piemont) und gleichzeitigem König von Italien auf dessen Burg am Gardasee gefangen gehalten wurde?

Wie gesagt, man weiß es nicht.

Fakt ist aber wohl, dass Otto I. Adelheid, die sich aus der Gefangenschaft hatte befreien können, in Pavia traf, sie heiratete und sich – sozusagen en passant – die langobardisch-italienische Königskrone aufsetzte.

Zweiter Aufenthalt

Im Herbst 960 rief der zu dem Zeitpunkt 23jährige – als ungebildet, käuflich und höchstgradig lasterhaft geltende – Papst Johannes XII. (*um 938/°964) Otto I. gegen den ständigen Unruhestifter Berengar II. zur Hilfe.

Also zog Otto 961 ein zweites Mal über die Alpen, erreichte im Januar 962 Rom,

  • erzwang Berengars mehr oder weniger kampflosen Rückzug,
  • ließ sich (und Gattin Adelheid gleich mit) im Februar 962 in der Peterskirche zu Rom – allen Bedenken gegenüber dem Lotterpapst zum Trotz – von diesem zum „römischen“ Kaiser/Kaiserin krönen,
  • nannte sich fortan „Otto magnus dei gratia imperator Augustus“,
  • galt/gilt seither als Gründer des „Heiligen Römischen Reiches“ und soll, so heißt es,
  • zur Mitte des 12. Jahrhunderts vom Historiker Otto von Freising (*um 1112/°1158) mit dem Namenszusatz „der Große“ bedacht worden sein.

Nunmehr Kaiser, blieb Otto I. bis 965 in Italien. Allerdings nicht zur Sommerfrische. Seine Anwesenheit war schlicht politischen Querelen geschuldet.

„Pippinische Schenkung“ und „Privilegium/Pactum Ottanianum“

Hatte Otto noch wenige Tage vor der Kaiserkrönung das Schenkungsversprechen („Pippinische Schenkung“ von 754 – Pippins III. des Jüngeren an Papst Stephan II.) gegenüber Papst Johannes XII. bestätigt sowie unmittelbar nach der Krönung mit dem so genannten „Privilegium/Pactum Ottanianum“ bekräftigt,

  • widerrief der wetterwendische Johannes seinen kurz zuvor geleisteten Treueid,
  • tat sich – allerdings erfolglos – mit dem seinerzeit geschassten Berengar zusammen,
  • wurde von Otto I. 963 auf der Synode zu Rom kurzerhand aus dem päpstlichen Amt gekickt und soll
  • 964 (angeblich) während des Beischlafs vom "gehörnten" Ehemann der beteiligten Dame erschlagen worden sein.

Intermezzo

Zwischen Ende 965 und Spätsommer 966 hielt Otto I. sich im Norden des Reiches auf, reiste unermüdlich von Pfalz zu Pfalz, zeigte damit, dass er noch immer gegenwärtig war, regelte das eine oder andere innenpolitische Problem, und zog – auf den Hilferuf des unbeliebten Papstes Johannes XIII. (Papst von 965 bis 972), der vom aufständischen Stadtadel Roms aus dem Vatikan gejagt, verprügelt und (vorübergehend) eingesperrt worden war – im Frühherbst 966 ein drittes Mal nach Italien.

Dritter Aufenthalt

Er blieb dort bis etwa zur Mitte des Jahres 972, kümmerte sich

  • zum einen um die Wiederherstellung seiner Autorität durch drastische Bestrafung oppositioneller römischer Adeliger sowie
  • zum anderen um die Festigung des Papsttums und die Absicht, Italien zu einer gesicherten Komponente seines Reiches zu machen,
  • stritt – diplomatisch und militärisch – mit dem byzantischen (oströmischen) Kaiser Nikephoros II. Phokas (*912 bis °969) um seine Anerkennung als „Kaiser der Römer“,
  • biss allerdings mit diesem Ansinnen bei dem Byzantiner auf Granit.

Alles änderte sich 969 aufgrund der Ermordung des widerborstigen Kaisers Nikephoros II. Phokas durch dessen Neffen und Nachfolgers Johannes I. Tzimiskes (*924 bis °976).

Johannes, der militärisch gerade anderweitig stark eingebunden war und kein Interesse hatte, auch noch mit Otto I. aneinander zugeraten, zeigte sich gegenüber Ottos Wunsch nach Titelanerkennung wesentlich weniger zugeknöpft.

Also wurden zuerst die Besitzstände im Süden Italiens geregelt, dann mit der „purpurnen“ Prinzessin namens Anna ein Ehegespons für Sohn Otto II. versprochen (statt Anna kam später allerdings die „nichtpurpurne“ Theophanu – was aber letztlich allen Beteiligten irgendwie egal gewesen zu sein scheint) und – zu guter letzt – wurde Otto I. endlich als gleichberechtigter Kaiser des Westens anerkannt.

Rückkehr, Melancholie und Tod

Nach seinem dritten Italienfeldzug, bei dem er zwischen 966 bis 972 – unter anderem – erfolgreich die restlichen Herzogtümer Süditaliens seinem „Heiligen Römischen Reich“ zugeschlagen hatte, musste er bei seiner Rückkehr feststellen, dass nicht nur seine Mutter Mathilde, sondern auch eine Vielzahl seiner Freunde und Getreuen verstorben waren.

Melancholie trübte die letzten Monate und Wochen. Zwar gab Otto 973 in Quedlinburg – anlässlich des Besuchs diverser führender Potentaten, die ihm huldigen wollten – noch ein großes Fest, zog sich aber daran anschließend in seine Kaiserpfalz Memleben (Sachsen-Anhalt) zurück, wo er kurz darauf verstarb und im Magdeburger Dom beigesetzt wurde.

Resümee

Otto I. der Große hat, wie es scheint, einundsechzig Jahre lang ein bewegtes und anstrengendes Leben geführt. Über die Hälfte davon als König und Kaiser.

Und in all diesen Jahren überwiegend auf dem Rücken eines Pferdes von Ort/Stützpunkt zu Ort/Stützpunkt (Pfalz zu Pfalz), von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz reitend, in provisorischen Nachtlagern im Freien schlafend, oft umgeben von Neidern, Schleimern, Schmeichlern und von – das blutige Kriegshandwerk beherrschenden – rauen Gesellen.

Möchte man da nicht auch gern einmal wissen, was ein König/Kaiser zwischendurch, also in der Freizeit, wenn es die denn überhaupt gab, so gemacht hat? Würde man, aber darüber ist ausgesprochen wenig bis nichts zu erfahren. Schade, eigentlich …

PS

Wer war Otto I. der Große? Siehe hierzu auch die Fragen: Otto I. der Große – woher kam er, wie und wann wurde er König? / Otto I. der Große – womit war er als König konfrontiert?

Autor: Manfred Zorn
Quelle:  „Die Deutschen Cäsaren“ – (S. Fischer-Fabian / Droemer Knaur Verlag); „Das Reich der Deutschen“ – (Hg.: Nils Klawitter, Dietmar Pieper – DVA)

 

 

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