Wie kamen die Ottonen nach Quedlinburg?

Alles begann, so siehts aus, mit Heinrich I., dem „Vogler“ (*um 876/°936), der aus dem Adelsgeschlecht der Liudolfinger stammte, ab 912 Herzog von Sachsen war und – nicht nur, aber auch der Legende nach – wesentlich dazu beigetragen hat, den Bekanntheitsgrad Quedlinburgs schon zu seiner Zeit erheblich zu steigern.

Legende und UNESCO-Weltkulturerbe

Und zwar durch die nette Geschichte, dass ihm dort, in Quedlinburg, vor nunmehr über tausend Jahren im Verlauf einer Vogeljagd von einer Handvoll Boten Konrads I. (*um 881/°918) die Königskrone angetragen wurde.

Heute hält ein 2007 in der Stadt aufgestelltes Denkmal dieses fiktive Ereignis fest. Standortmäßig (Turnstraße) allerdings um gute eineinhalb Kilometer vom zu Füßen des Burgberges gelegenen so genannten „Finkenherd“ entfernt, wo die Begebenheit der Herrschaftsübergabe an den "Vogelfänger" Heinrich der Sage nach eigentlich stattgefunden haben soll.

Heute, seit 1994, gehört das kleine Fachwerkhaus "Finkenherd 1" aus dem frühen 16. Jahrhundert (und mit diesem weite Teile der Stadt) zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Fakten

Tatsächlich wurde Herzog Heinrich I. von Sachsen aus dem Hause der Liudolfinger 919 (da lag der Todeszeitpunkt Konrads I. bereits ein Jahr zurück) in der Königspfalz Fritzlar zum König des Ostfrankenreiches gekürt. Seither gilt Heinrich I. als erster „deutscher“ König.

Wie sie wurden, was sie waren

Die Liudolfinger – benannt nach Heinrichs Großvater Liudolf (dessen Herkunft und plötzliches Auftauchen in der Geschichte den Historikern noch heute Rätsel aufgibt) – waren ein sächsischer Familienclan, dem es durch seine Unterstützung Karls des Großen (*ggf. 747? oder 748?/°814) in dessen von 772 bis 804 andauernden Sachsenkriegen gelungen war, nicht nur in den Adelsstand erhoben zu werden, sondern auch umfangreichen Landbesitz im westlichen und nördlichen Harzvorland anzuhäufen.

Quedlinburg vs. Gandersheim

Denn mit der Hinwendung Heinrichs (und seiner Nachfolger) zu Quedlinburg, einem weiteren Stammsitz der Familie, wurde der bis dahin beschauliche Flecken bevorzugter Aufenthaltsort der Sachsenkaiser. Gleichzeitig verlor das bisherige Zentrum der Dynastie um Gandersheim (heute: Bad Gandersheim) herum zunehmend an Bedeutung.

Quedlinburg dagegen wurde zum wichtigen Mittelpunkt der von 919 bis 1024 währenden ottonischen Herrschaft.

Exkurs

Die Bezeichnung Ottonen erhielt die Dynastie der Liudolfinger in den Geschichtsbüchern wegen der im Laufe ihrer Familiengeschichte vorkommenden vier Ottos:

  • Otto der Erlauchte (*877 bis °912), Sohn Liudolfs,
  • Otto I. der Große (*912 bis °973), Sohn Heinrichs I.,
  • Otto II. der Rote (*955 bis °983) Sohn Ottos I. und
  • Otto III. (*980 bis °1002), Sohn Ottos II.

Zurück zu Heinrich I.

Während Heinrichs I. siebzehnjähriger Regierungszeit ließ er – unter anderem – die vorhandenen Befestigungen aufwendig umbauen, sorgte für die Verstärkung der Wehranlagen, unterwarf die Elbslawen, schlug die Ungarn vernichtend bei Riade an der Unstrut, gründete die Burg Missni (Meißen), schenkte seiner Frau Mathilde neben einer Reihe anderer Örtlichkeiten nicht nur Quedlinburg zur – heute würde man sagen – Altersabsicherung, sondern erkor den Ort sogar zu seiner Lieblingspfalz und fand hier 936 schließlich seine letzte Ruhestätte.

Von Otto I. zu Otto III.

Otto I., der Große, gründete auf dem Burgberg das großzügig mit Latifundien ausgestattete Frauenstift (Stift Quedlinburg) – unter anderem gedacht zum Gedenken an den verstorbenen Heinrich I., hielt kurz vor seinem Tod (im März 973) einen der bis dahin prächtigsten Reichstage ab und hatte großen Anteil an „gesammelten“ und in der Stiftskirche St. Servatii ausgestellten Reliquien.

Mit der Verleihung des Münz-, Zoll- und Marktrechts 994 an die Äbtissin Mathilde (*955/°999) – Schwester Ottos II. und Tante Ottos III. – durch Letzteren, entstand sukzessive die Altstadt Quedlinburgs, in der zwischen 922 bis 1027 wenigstens neunundsechzig Aufenthalte deutscher Könige und Kaiser in heute noch erhaltenen Quedlinburger Urkunden verbrieft sind.

PS

Jahre später (zum Beispiel):

  • 1129 wurde die neu erbaute Stiftskirche durch König/Kaiser Lothar III., von Süpplingenburg (*1075/°1137) eingeweiht,
  • 1426 bis 1477 war Quedlinburg Mitglied der Hanse,
  • 1539 hielt Luthers Reformation Einzug in die Stadt – Quedlinburg wurde protestantisch,
  • 1993 Rückführung des im Zuge des 2. Weltkrieges verschollenen Domschatzes aus den USA,
  • 1994 Aufnahme Quedlinburgs, eines der umfangreichsten Flächendenkmale, in die Liste des Weltkultur- und Naturerbes der UNESCO

Autor: Manfred Zorn
Quelle: „Quedlinburg“ (Wolfgang Hoffmann / Schmidt-Buch-Verlag)

 

 

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