Wer waren die Hunnen – und wer war Attila?

Die Hunnen, vermutlich irgendwoher aus den Steppen Zentralasiens stammend und nach günstigeren Lebensbedingungen suchend, fielen gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. (um 375) in Ost-Mitteleuropa (Ukraine, Rumänien, Ungarn?!) ein, verbreiteten Angst und Schrecken, unterwarfen oder vertrieben, sozusagen im ersten Schritt, die Alanen, Ost- und Westgoten – und irgendwann zwischen 430/440 traten Attila (*um 400/°453) und sein Bruder Bleda die Nachfolge des Onkels und Hunnenkönigs Rua an.

Attila – der Autokrat

Da Attila diese Doppelspitze nicht so recht in den Kram passte, wurde Bleda kurzerhand in die ewigen Jagdgründe geschickt – und Attila somit Alleinherrscher.

In den darauf folgenden, aber vergleichsweise wenigen Jahren bis zu seinem Tod, scheint es dem vom römisch-gotischen Chronisten Jordanes im 6. Jahrhundert als „Schrecken aller Länder“ beschriebenen Haudegen Attila in der Tat gelungen zu sein, das „Hunnenreich“ beziehungsweise sein Herrschaftsgebiet (ausgehend vom heutigen Ungarn) im Osten bis zum Kaukasus und im Westen fast bis an den Rhein auszudehnen.

Die Hunnen – potentielle Mordbuben oder doch ganz anders?

Bei all diesen Eroberungsaktivitäten zeichneten sich Attila und seine wilde, raue Soldatenhorde in ihrem Vorgehen keineswegs durch die so genannte feine, englische Art aus. Aber, obwohl gotische, römische und christliche Geschichtsschreiber die Hunnen als – zum Beispiel – „plattnasig, hässlich, missgestaltet und dunkelhäutig“, als „Geißel Gottes“ und/oder als „rohes Fleisch essende Bestien“, eben als zügelloses, brutales Kriegsvolk schilderten, scheint das nach neueren Erkenntnissen nur die halbe Wahrheit zu sein.

So sollen die nomadisierenden Hunnen durchaus in Dörfern sesshaft gewesen sein, eine funktionierende Bürokratie auf die Beine gestellt und Attila sich ab und an durchaus von seiner diplomatischen Seite gezeigt haben.

Attila – ein mit allen Wassern gewaschenes Schlitzohr?

Sofern die jeweiligen Umstände es zuließen, verlor Attila sich demnach anscheinend nicht zwingend in kriegerische Auseinandersetzungen, sondern soll sich seinen diesbezüglichen Tatendrang stattdessen gern mit Tributzahlungen unerhörter Größenordnung in Form von Geld, Gold, Juwelen und sonstigen Pretiosen abfedern lassen haben.

Das galt – unter anderen – im Wesentlichen sowohl für Attilas Kontrahenten in Ostrom (Kaiser Theodosius II., *401/°450) als auch im weströmischen Reich (Kaiser Valentinian III., *419/°455).

Alles hat einmal ein Ende

Nun, wie auch immer Attila sich als „Caudillo“ seines hunnischen Reitervolkes tatsächlich aufgeführt und dargestellt haben mag, auf seinem Vormarsch nach Gallien wurde er 451 schließlich und endlich in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (im Norden des heutigen Frankreich) von einer Zweckallianz aus Westgoten, Burgundern, Franken und Römern gestoppt.

Zwei Jahre später (453) verstarb Attila (angeblich in der Hochzeitsnacht) eines mehr oder weniger natürlichen Todes.

Was bleibt?

Die Hunnen, und mit ihnen das  knapp einhundert Jahre währende Reich, verschwanden kurz darauf (etwa um 469/470) im geschichtlichen Nirwana – aber ihr Ruf als Auslöser der Völkerwanderung (375-568) sowie als furchtlos und letztlich doch grausam agierende Barbaren, hat sich bis heute erhalten …

Autor: Manfred Zorn
Quelle: Der Spiegel 9/2016

 

 

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