Was verbirgt sich hinter dem Begriff Marshall-Plan?

Der Marshall-Plan ist – beziehungsweise war – ein 1947/48 von den USA verabschiedetes Wirtschaftsförderungsprogramm, das unter dem eigentlichen Namen ‚European Recovery Program (ERP)‘ dem wirtschaftlichen und sozialen Kollaps Westeuropas entgegenwirken sollte. Initiator und schon kurz nach seinem Vorschlag Namensgeber dieses Konzepts war der seinerzeitige amerikanische Außenminister George C. Marshall (*1880/°1959).

Damit waren die in 1944 zwischen den USA und Großbritannien ernsthaft diskutierten, dann aber verworfenen Pläne des US-Finanzministers Henry Morgenthau (*1891/°1967), der Deutschland deindustrialisieren wollte und teils noch Schlimmeres mit dem Land vorhatte (‚Morgenthau-Plan‘), endgültig vom Tisch.

Ausgangslage

Nach dem offiziellen Ende des 2. Weltkrieges am 08. Mai 1945, lagen so gut wie überall in Europa Industrie und öffentliches Leben am Boden. Unter anderem dominierten

  • Armut, Hunger, Hamsterfahrten, Kohlenklau, das Umgehen mit den Flüchtlingen und Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten und der Schwarzmarkt

das als ausweglos wahrgenommene Dasein in den Trümmerwüsten Deutschlands und anderer europäischer Länder.

Auf Jalta (Februar 1945) und in Potsdam (Juli/August 1945) hatten die Staats- und Regierungschefs der Siegermächte Amerika mit – nacheinander:

  • Franklin D. Roosevelt (verstorben im April 1945) und sein Nachfolger Harry Truman,
  • aus Großbritannien Winston Churchill (während der Konferenz in Potsdam abgewählt und ersetzt durch Clement Richard Attlee)
  • und Sowjetrussland mit Josef Stalin

eine so genannte Nachkriegsordnung für Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen verabschiedet. Grenzen wurden verschoben und ein politischer Leitfaden entwickelt, wie mit Europa und, natürlich, mit Deutschland umzugehen sei.

Aber, wie das so ist in der Politik. Die Geister scheiden sich, wenn dem einen oder anderen hinterher das eine oder andere nicht mehr passt.

Ende des Jahres 1947 war es der Russe, der sich nicht mit der politischen Entwicklung in den drei Westzonen anfreunden wollte. Josef Stalin haderte auch mit dem für ihn angeblich nicht zufriedenstellenden Ergebnis in der Handhabung der Reparationsansprüche und – nicht zuletzt – ließ er sich auch nicht zu einem Abschluss eines Friedensvertrages hinreißen.

Die Stimmung kippte. Eine mühsam aufgebaute und – soweit überhaupt möglich – auf Harmonie beruhende Geschäftsgrundlage war Schnee von gestern. Und wieder ‚ging ein Gespenst um (in Europa) – das Gespenst des Kommunismus‘.

Reaktion

Um dieses ‚Gespenst‘ gar nicht erst lange herumgeistern zu lassen, erläuterte der amerikanische Präsident Truman im März 1947 vor beiden Häusern des Kongresses seine so genannte ‚Truman-Doktrin‘. Grundsätzlich und hier kurz auf den Punkt gebracht, ging es im Wesentlichen darum, einer möglichen ‚weltweiten Bedrohung‘ durch den Kommunismus keinen Raum zu geben.

Als günstig in diesem Kontext erwies sich nun der weiter oben bereits erwähnte 'Marshall-Plan'.

Damit die in Europa und Deutschland vorherrschende katastrophale Situation nicht zu Wasser auf die Mühlen der Kommunisten wurde, hatte man also fix den Wiederaufbau der europäischen Volkswirtschaften beschlossen. Allerdings ohne die osteuropäischen Länder. Die durften nicht dabei sein. Da hatte Moskau die Hand drauf.

Das Ass im Ärmel

Selbstverständlich war die Bewilligung des Marshall-Plans für die USA nicht uneigennützig. So sollten mit dem angestrebten Wiederaufbau Europas mittelfristig natürlich auch wieder funktionierende Absatzmärkte für die Vereinigten Staaten geschaffen werden.

Ergänzend dazu bekam Deutschland so etwas wie den Schwarzen Peter zugespielt. Denn, auch bedingt durch die in 1949 verfestigte Teilung Deutschlands in Ost und West, wurde der Bundesrepublik zunehmend eine zwar nicht wirklich behagliche, aber dennoch entscheidende Rolle im beginnenden ‚Kalten Krieg‘ zugewiesen. Als Pufferzone sozusagen.

Wie auch immer

Immerhin trug die Umsetzung des Marshall-Plans zwischen 1948 bis 1952 (Westberlin 1957) – zum Beispiel mit Kreditvergaben, Rohstoff-, Heizmaterial-, Lebensmittel- und anderen Güterlieferungen – wirksam zu einer erfolgreichen Runderneuerung von sechszehn europäischen Staaten bei. Alles in allem im Wert von etwa 13 Milliarden US$ ...

PS1

Zwei weitere Hilfsprojekte –

  • die 1946 von zweiundzwanzig amerikanischen Wohlfahrtsverbänden gegründete ‚Cooperative for American Remittances to Europe‘ sowie
  • die ‚Berliner Luftbrücke‘ während der sowjetischen Berlin-Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949 –

wurden in diesem Zusammenhang ebenfalls sehr schnell bekannt, agierten enorm erfolgreich und waren außerordentlich beliebt – die so genannten ‚Care-Pakete‘ und die ‚Rosinenbomber‘.

PS2

Am 18. Mai 2020 haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron einen ‚Wiederaufbaufond‘, eine „Initiative zur wirtschaftlichen Erholung Europas nach der (Corona) Krise“ veröffentlicht.

Ein intelligenter und wirksamer Vorschlag, vielleicht so etwas wie der damalige ‚Marshall-Plan‘ für Europa sagen die einen; alles nicht durchführbar und ‚…kommt für uns nicht in Frage…‘ sagen sofort und spontan die anderen, genannt die 'Genügsamen-' oder auch 'Geizigen Vier': Österreich, Dänemark, Schweden und die Niederlande.

Schwierig, schwierig – schau’n wir mal, was daraus wird…

Autor: Manfred Zorn
Quellen: „DK Geschichte kompakt & visuell“ (Philip Parker/Dorling Kindersley Verlag), „Deutsche Geschichte für Dummies“ (Christian v. Ditfurth/Wiley-VCH Verlag), „Deutsche Geschichte – Seit 1918“ (Heinrich Pleticha, Hsg./Bertelsmann Lexikon Verlag)

 

 

Google-Anzeige Google-Anzeige Google-Anzeige