Warum wird Karl der Große der ‚Große‘ genannt?

Weil Karl I. (der Große) neben seinen herausragenden Eigenschaften als Heerführer und der beachtlichen geografischen Erweiterung des fränkischen Reiches, gleichzeitig auch als brillanter Reformer des Militärs, des Rechts, der Verwaltung und – vor allem – der Bildung gilt. Den Beinamen „der Große“ erhielt Karl bereits zu seinen Lebzeiten.

'Vita Caroli Magni'

Über seine Kindheit und Jugend gibt es wenig nachzulesen. Was man weiß, und das ist nicht viel, stammt aus den Aufzeichnungen, also der ‚Vita Caroli Magni‘ seines Biografen Einhard (*um 770/°840).

Die Eltern sowie Datums- und Ortsungenauigkeit der Geburt

Demnach waren seine Eltern Pippin der III., der Jüngere/der Kurze (*um 715/°768) sowie die aus fränkischem Adel stammende Mutter, Bertrada (*um 725/°783), aus dem Hause Laon.

Aber wann und wo Karl geboren wurde, kann immer noch niemand so ganz genau sagen. Nach älterer Auslegung soll Karl im April 742 geboren worden sein. Neuere Erkenntnisse dagegen sprechen von 747 oder – eine weitere Variante – 748. Als Geburtsort vermutet werden die heutigen Städte Aachen, Prüm in der Eifel, oder auch ein Ort, eine Pfalz irgendwo um Paris herum. Was aber – wie gesagt – nicht unbedingt so gewesen sein muss.

Das Erbe und die Königskrönung

Fakt indessen scheint zu sein, dass Karls Vater, Pippin III., unmittelbar vor seinem Tod 768 eine Teilung des Reiches verfügt hat. Demnach sollte sein Sohn Karl (der Große) Austrien (östlicher Teil Frankreichs), Bayern, das Land nördlich des Mains, die Niederlande und einige Teilgebiete Frieslands erhalten, während er große Teile Neustriens (westlicher Teil Frankreichs), das Elsass, die Gebiete von Augsburg bis nach Reims und einiges mehr, in die Hände Karlmanns (*751/°771), Karls jüngeren Bruder, legte. Aquitanien (im Südwesten Frankreichs) sollten sich die Brüder einvernehmlich teilen.

Beide Brüder wurden 768 zum König über ihre jeweiligen Latifundien gekrönt. Karl in Noyon, einer Stadt im Norden des heutigen Frankreich, und Karlmann in der ehemaligen merowingischen Residenz und heutigen nordfranzösischen Gemeinde Soissons. Bis zum Jahr 771 gab es nun, wenn man so will, zwei Frankenkönige.

Konnte das gutgehen?

Nein, eigentlich nicht. Weder Karl, Karlmann noch der gesamte Hof hatte mit dieser unglücklichen Teilung des fränkischen Reiches mit absolut uneinheitlichen Gebieten und Grenzen gerechnet. Zwistigkeiten zwischen den Brüdern waren vorprogrammiert. Aber, wie so oft, kam es erstens zweitens anders, als man drittens denkt. Der beständig in der Luft liegende Bruderkampf um die Macht im Reich blieb aus. Karlmann verstarb mit gerade einmal zwanzig Jahren im Dezember 771 in der Königspfalz Samoussy. Karl der Große hatte nun freie Hand.

Karl, der Feldherr

Mit dem Tod des Bruders übernahm Karl auch dessen Gebiete, ließ es aber damit nicht bewenden, sondern unternahm in den Jahren seiner Herrschaft unzählige Reisen, Eroberungs-, Unterwerfungs- und Missionierungsfeldzüge: Unter anderen gegen

  • die Langobarden,
  • die Sachsen (Sachsenkriege: 772 bis 804),
  • gegen Tassilo von Bayern,
  • er tummelte sich in Spanien und kämpfte gegen
  • die Awaren (ein Steppenvolk, das – grob umrissen – überwiegend aus dem heutigen Ungarn stammte).

Ein Herrscher auf dem Rücken der Pferde

Die sich somit zunehmend ausweitenden Grenzen des Fränkischen Reiches unter Karls Ägide mussten natürlich ständig verteidigt werden. Karl war also unentwegt – mangels Auto, Bahn, Schiff, Flugzeug und ohne die heute üblichen Kommunikationsmöglichkeiten (z.B. Handy etc.) – auf dem Rücken der Pferde unterwegs.

Das war anstrengend, setzte eine ambitionierte Logistik voraus und hatte zur Folge, dass Karls Regierungssitz also immer dort war, wo er sich gerade aufhielt. Begleitet wurde er bei all diesen Unternehmungen von einem schon mal aus über ‚tausend Mann‘ bestehenden Tross:

  • Seinem Hofstaat,
  • bewaffneten Truppen,
  • Priestern, Mönchen, Händlern, Gauklern,
  • Frauen und gelegentlich sogar von Kindern.

Und er wurde überall gebraucht. Irgendwo in seinem Herrschaftsgebiet hatte er immer zu tun. Überall musste er nach dem Rechten sehen. Er hatte die ihm unterstehenden Regionen daraufhin zu kontrollieren, ob die vereinbarten Abgaben der Pfalzgrafen an den König auch tatsächlich den Verträgen entsprachen, hatte Hof und Gericht zu halten, kam oftmals nicht umhin aufständischen Völkerschaften zu zeigen, wer der Herr im Reich ist und/oder sah sich schlicht verpflichtet, durch seine Präsenz ganz einfach nur das Gemeinschaftsbewusstsein zu stärken.

Karl und die Päpste

Während Karls Regierungszeit als König und Kaiser hatte er mit drei Päpsten zu tun: Stephan III. (IV.), Hadrian I. und Leo III. (*um 750/°816).

Papst Leo III. auf der Flucht und seine Ankunft in Paderborn

Von diesen drei Pontifizes entpuppte sich Leo III. als der unangenehmste Charakter. In weiten Kreisen galt dieser 795 ins Amt gewählte Papst als hinterhältiges Schlitzohr, Betrüger, Spitzbube, Finsterling und schlimmeres. Auch Karl der Große, sein Hof und die Menschen in Franken und Rom ganz allgemein pflegten daher eine berechtigte Abneigung gegen diesen Pontifex. Als Leo 799 in Rom einem – für ihn ausgesprochen schmerzhaften, aber überlebten – Attentat zum Opfer fiel, scherte Karl sich nicht die Bohne darum – bis Leo, auf der Flucht vor seinen römischen Widersachern – auf dem im gleichen Jahr stattfindenden Reichstag in Paderborn auftauchte und Schutz vor sowie Unterstützung gegen seine Widersacher in Rom forderte.

Was tun mit Papst Leo III.?

Ein ausgesprochen lästiger Besuch. Stellte sich doch den in der Paderborner Pfalz versammelten fränkischen Amtsträgern die unangenehme Frage, was nun mit diesem Papst zu geschehen habe? Sollte dieser unmögliche Mensch wieder ins Amt gehievt werden, oder nicht?

Angilbert, Karls Jugendfreund und nunmehr fränkischer Diplomat, sprach sich dagegen aus. Auch Alkuin (*etwa 730/°804), Karls wichtigster Berater, war anfänglich darüber nicht begeistert. Letztlich kamen aber alle Beteiligten darin überein, dass ein Papst nicht einfach abgesetzt werden könne. Schon gar nicht, solange die Gründe des auf ihn verübten Mordanschlags nicht eingehend überprüft seien. Leo wurde also, nach dreimonatigem Aufenthalt in Paderborn, mit vager Hilfszusage nach Rom zurückgeschickt. Eskortiert von Panzerreitern und Rechtssachverständigen. Letztere sollten in Rom eine Untersuchung der gegen Leo erhobenen Vorwürfe durchführen.

Die Causa Papst Leo III.

Die Beschäftigung mit der Causa Papst ergab kein freundliches Bild. Letztlich drohte Leo III. der Prozess.

Eine heikle Angelegenheit; war doch Karl der Große nicht nur König der Franken, sondern als „Patricius Romanorum“ auch Sachwalter und Beschützer der christlichen Kirche – und damit notgedrungen auch verantwortlich für den "Heiligen Stuhl". Papst Leo hin oder her.

Karl reiste also im Spätsommer 800 zum vierten Mal nach Rom. Ende November d. J. lagerte er mit seinem Tross bei Mentana, einer kleinen Stadt in der Region Latium/Italien. Auf dem Weiterweg nach Rom kam ihm Papst Leo III. – gefolgt von dessen Entourage aus Kirchenfürsten, Mönchen und einem Haufen nicht sehr Vertrauen erweckender Gestalten – bereits vor den Toren der Stadt entgegen. Was eine bis dahin ganz und gar unübliche Aktion war. Gesteigert wurde dieser von Leo mit Bedacht gewählte Kuschelkurs dann ein paar Tage später noch einmal beim Einzug Karls und seines Gefolges in Rom. Leo hatte keine Mühen und Kosten gespart, um den Franken einen triumphalen Empfang zu bereiten.

Diskussionen, Kontroversen und Meinungsaustausch

Aber, was bezweckte dieser schräge Vogel mit diesem aus dem Rahmen fallenden Verhalten? Nun, er wollte schlicht und einfach für "gut Wetter" bei den Franken werben, sorgte stattdessen aber für kontroverse Diskussionen unter den Franken. Auf der gerade in Rom stattfindenden Synode (Bischofsversammlung) kam es zwischen Karl, dessen Söhnen und anderen wichtigen Amtsträgern in der Angelegenheit Leos III. zu unterschiedlichen Auffassungen.

So war Pippin, König von Italien, zum Beispiel für eine strikte Verurteilung des betrügerischen und prassenden Fieslings; Ludwig der Fromme dagegen, der ohnehin ein geistliches Leben dem eines möglichen Nachfolgers Karls vorgezogen hätte, stellte sich auf die Seite des Papstes.

Argumentation

Eine schwierige Situation für Karl den Großen.

Schlösse er sich Pippins Meinung laut an, würde ihm das – einem „Patricius Romanorum“ – schlecht zu Gesicht stehen; verhielte er sich neutral, wären die Mächtigen Roms, unter anderen auch die Familie des päpstlichen Vorgängers Hadrian I., stinksauer. Und ein Prozess, wohlmöglich verbunden mit der Verurteilung des Papstes, hätte die bisher von Karl dem Großen betriebene Politik – unter anderem seine vehement und sogar mit Waffengewalt vorangetriebene Christianisierung innerhalb des Fränkischen Reiches (vornehmlich der Sachsen) – irreparabel in Frage gestellt und den Glauben nachhaltig erschüttert.

Karl wäre gesellschaftlich unten durch, und seine Verantwortung als Schutzherr der Kirche als unglaubwürdig stigmatisiert gewesen.

Ein Schwur und die Kaiserkrönung

Also, was tun? Nun, es kam nicht zum Prozess. Karls Kirchenfürsten, allen voran der Bischof von Salzburg, der „schwarze Arn“, machten den Vorschlag, Papst Leo einfach einen Eid schwören zu lassen, einen so genannten „Reinigungseid“.

Mit diesem Schwur sollte Leo vor Gott kundtun, nie etwas mit den Anschuldigungen gegen ihn zu tun gehabt zu haben. Eine gute Idee! Mit einer derartigen Prozedur war Karl fein raus. Applaus, Applaus! So wurde es gemacht. Karl musste den Papst weder verurteilen noch freisprechen – und wurde im Anschluss im Petersdom zu Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt.

Karls neuer Titel

Obwohl bis heute unter den Historikern über das genaue Warum und Wieso dieser Kaiserkrönung Uneinigkeit herrscht, lautete Karls neuer Titel nun in etwa sinngemäß: ‚Carolo Augusto, der allergnädigste, erhabene, von Gott gekrönte, große und Frieden stiftende König der Franken und Langobarden‘. Damit war Karl der Große – rechtmäßig durchaus anfechtbar – ‚Imperator und Augustus‘ (‚Römischer Kaiser‘). Der Verweis auf ‚König der Franken und Langobarden‘ sollte deutlich machen, dass jetzt die herrschenden Franken die Römer in den Hintergrund gedrängt hatten.

Das Vermächtnis

Als Karl der Große im Januar 814 in Aachen verstarb, hinterließ er seinem Nachfolger Ludwig I. (dem Frommen – *778/°840) ein Reich, das in seiner Ausdehnung durchaus mit dem Staatenverbund der  heutigen ‚Europäischen Union‘ (EU) zu vergleichen ist. Ob nun aber Karl der Große tatsächlich und allein aufgrund der territorialen Ausweitung seines Machtgebiets als "Vater Europas" apostrophiert werden kann, darüber gehen die Meinungen der Geschichtsforscher immer noch weit auseinander…

Leo III., der Durchhaltepapst

Papst Leo III., obwohl nach wie vor in weiten Kreisen unbeliebt, hielt durch. Bis 816. Im Sommer jenen Jahres verstarb Leo in Rom. Im Jahr 1673 wurde er von Papst Clemens X. (*1590/°1676)  heiliggesprochen.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: "Karl der Große" (DVA - Spiegel Buchverlag); "Karl der Große" (Thomas R.P.Mielke/Schneekluth)

 

 

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