Warum wurde Talleyrand als "Wendehals" bezeichnet?

Die französische Revolution bietet einige schöne Beispiele dafür, wie man als Politiker stürmische Zeiten überstehen kann, indem man ständig seine Meinung ändert und immer das gut findet, was gerade "en vogue" ist. Einer der klassischen Vertreter dieser Karriere-Taktik war Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838).

Dessen politische Laufbahn liest sich wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle, hin und her geworfen im Chaos der Zeit. Aber das täuscht. Sie ist getragen von Kalkül und Windschnittigkeit – und natürlich auch von einer großen Portion an Gerissenheit und Intelligenz.

 

"Wendehals Talleyrand", Karikatur von 1815. Bildquelle: Wikipedia

 

Vom Priester zum Kirchen-Enteigner

Die Geschichte beginnt in der katholischen Kirche. Talleyrand stammte aus verarmtem Landadel und sollte, da ein Klumpfuß eine militärische Laufbahn verhinderte, als Gottesmann Karriere machen. Tat er auch: 1779 wurde er zum Priester geweiht, 1788 zum Bischof.

Ein Jahr später kam die französische Revolution – keine gute Zeit für Kirchenmänner in Frankreich. Also wechselte Talleyrand die Seiten und trat offiziell vom Klerus in den "dritten Stand", die gehobene Bürgerschicht über. Er übernahm eine Hauptrolle in der Nationalversammlung in den ersten Revolutionsjahren und war derjenige, der die Enteignung der Kirche vorschlug, um Frankreich vor dem Bankrott zu retten. Was man ihm zugute halten muss: Er nahm dafür eine Exkommunizierung durch Papst Pius VI. in Kauf. Allerdings bezog er trotzdem noch jahrelang Einkünfte aus seiner ehemaligen Abtei, was niemand so richtig bemerkte.

 

Vom Revolutionär zum Napoleon-Jünger

Dann wurde das Revolutionsklima ungemütlicher, die Schreckensherrschaft unter Robespierre nahte. Aber Talleyrand war rechtzeitig weg. Er flüchtete erst nach England, dann in die USA, während in Paris die Köpfe seiner ehemaligen Mitstreiter rollten.

Erst 1796 kehrte er nach Frankreich zurück. Robespierre war Geschichte, das sogenannte Direktorium regierte. Talleyrand wurde Außenminister.

Drei Jahre später trat er zurück. Napoleon stand kurz vor der Machtübernahme, nicht schlau also, dann noch in der Regierung zu sitzen. Und so kam es. Napoleon war kurze Zeit später Frankreichs neuer Herrscher. Talleyrand hatte zuvor schon persönliche Bindungen geknüpft und wurde erneut Außenminister. Und in den Jahren darauf einer der engsten Vertrauten von Bonaparte. Talleyrand war es auch, der Napoleons Ernennung zum Kaiser international durchsetzte.

 

Zurück zum König

Allerdings war Talleyrand unter Napoleon auch durchaus mutig. Zum Beispiel riet er dem Kaiser intensiv vom Krieg gegen Österreich und Preußen ab, konnte sich aber nicht durchsetzen. Er trat als Außenminister zurück, bekam dafür aber ein anderes hohes Regierungsamt: Vice-Grand Electeur.

Dann kam 1815 der endgültige Sturz Napoleons. Aber als sich der Nebel lichtete, war Talleyrand immer noch da. Nunmehr Außenminister unter König Ludwig XVIII., dem er zuvor auf den Thron geholfen hatte. Später, während der Juli-Revolution 1830, unterstütze Talleyrand dann auch noch Frankreichs letzten König, Louis-Philippe I., und wurde unter ihm französischer Botschafter in Großbritannien.

Aber auch solch ein Leben geht mal zuende: Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord starb 1838 friedlich in Paris.

 

Zeit der Opportunisten

Talleyrand war natürlich nicht der Einzige, der sich auf diese Weise erfolgreich durch wechselvolle Zeiten mogelte. Ein Lieblingsfeind von ihm machte es fast auf die gleiche Weise: Joseph Fouché, erst Kirchenmann, dann Polizeiminister während der Revolution, unter Napoleon und unter Ludwig XVIII. Die dazugehörige Karriere-Taktik gibt es übrigens auch heute noch. Sowohl in der Politik als auch in vielen großen Firmen.

Autor: Dr. Jörg Zorn

 

Apropos Pius VI.: Wer war eigentlich Pius I.?

 

 

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