Wurden die nordamerikanischen Indianer tatsächlich ausgerottet?

Das kann man wohl uneingeschränkt so sagen. In den Jahrhunderten, die auf die „Entdeckung“ Amerikas 1492 durch Christoph Kolumbus folgten, wurden die Indianer peu á peu von den europäischen Emigranten durch Vertreibung, Hungersnöte und Tod in der Tat so gut wie ausgerottet.

Auf zu neuen Ufern

Emigranten, das waren im Wesentlichen die in ihrer Heimat Europa politisch oder religiös Verfolgten und/oder Aus-/Umsiedler aus wirtschaftlichen Gründen.

Woher die Indianer wann kamen

Die Ureinwohner sowohl des süd-, als auch des nordamerikanischen Kontinents sollen, so wird vermutet,

  • bereits vor etwa 40-, 30- oder wenigstens vor 10.000 Jahren,
  • also lange vor Christoph Kolumbus – der, wie gesagt, 1492 auf einem der zur Inselgruppe der Bahamas gehörenden Eiland (genauer: San Salvador) gelandet war,
  • damit also üblicherweise als "Entdecker" Amerikas gilt,
  • allerdings selbst sein Leben lang annahm, es sei Indien gewesen –

über die zu der Zeit passierbare Behringstraße aus Sibirien ins Land gekommen sein.

Entwicklung, Lebensweise und der Name

Während sich in Mittel- und Südamerika Hochkulturen – beispielsweise die der Azteken, Inkas und Mayas – entwickelten, gab es Prozesse dieser Art im Norden des Kontinents dagegen nicht.

Dort lebten die Indianer, so wird als gesichert angenommen, in bis zu vier-/fünfhundert eigenständigen Stammesgemeinschaften. Und die Mitglieder dieser zahlreichen und in ihrem Lebensstil (Jäger, Sammler, Fischer) durchaus unterschiedlich ausgerichteten Zusammenschlüsse der – zum Beispiel:

  • Apachen, Blackfeet, Cherokee, Cheyenne, Comanchen, Hopi, Irokesen, Kiowa, Navajo, Seminolen und Sioux,

definierten die Zugehörigkeit zu ihrem Stamm in der Regel jeweils über ihre Sprache, Religion, Sitten und Brauchtum.

Ihren Namen – Indios/Indianer – sollen die Ur-Amerikaner nach landläufiger Lesart von Christoph Kolumbus und seinen Leuten erhalten haben, die, wie gesagt, glaubten, Indien entdeckt zu haben.

Wie die Indianer von den Kolonisten zu bösen Schurken gestempelt wurden

Zu Beginn der auf Kolumbus folgenden „Invasion“ europäischer Auswanderer, begegneten die arglosen und bisher weitestgehend mit der Umwelt im Einklang lebenden Ureinwohner – abgesehen davon, dass sie die Natur natürlich auch für ihren Lebensunterhalt zu nutzen wussten – den Abenteurern, Fallenstellern (Trapper), Pelztierjägern, Goldgräbern, Missionaren, Revolverhelden, Siedlern, Kavalleristen und sonstigen „Glücksuchern“ ausgesprochen unbefangen und friedlich.

Die Mehrheit der überwiegend protestantisch-puritanisch geprägten Zuwanderer dagegen hielt die Indianer für unkultivierte und unzivilisierte Wilde, für deren kulturelle Andersartigkeit und fremd erscheinenden Gewohnheiten sie – mit den Ausnahmen, die die Regel bestätigen – höchstens partiell Interesse zeigten.

Der lange Weg der Indianer in die Reservate

Und im Laufe des 16/17. Jahrhunderts, als die Europäer sukzessive begannen, immer weiter ins Landesinnere vorzudringen und die Besiedlung des ihrer Ansicht nach von „Gott geschenkten“ Grund und Bodens auch mit Gewalt für sich zu reklamieren, hatten die – abwertend auch „Rothäute“ genannten – Ureinwohner letztlich keinerlei Chance mehr. Ihr Untergang war nicht aufzuhalten.

Die Indianer wurden nicht nur durch die von den Eindringlingen eingeschleppten Krankheiten dahingerafft, sondern verloren durch das rücksichtslose Vordringen der Kolonisten, einhergehend mit der

  • Habgier und Gewaltbereitschaft der Invasoren,
  • den schlussendlich an Indianern verübten Gewaltexzessen,
  • kriegerischen Auseinandersetzungen1),
  • der unfreiwilligen Umsiedlung in Reservate sowie schlicht durch
  • Hunger, Armut und Diskriminierung

schritt- und reihenweise (bis ins 19. Jahrhundert hinein) ihre angestammten Jagdgründe und damit auch ihre Selbständigkeit und Würde. Woran sich auch – trotz der Möglichkeit die amerikanische Staatsbürgerschaft (ab 1924) erhalten zu können sowie ihre Kultur, Sitten und Gebräuche pflegen zu dürfen (ab 1934) – nicht viel geändert hat.

Quintessenz

Zusammengenommen lässt sich im nachhinein mit Fug und Recht feststellen, dass die Vorfahren der heute immer noch in Reservaten lebenden indianischen Minderheit, die mit etwa 1,5% Anteil an der US-Bevölkerung beziffert wird, im Rahmen der so genannten „Erschließung“ des nordamerikanischen Kontinents fraglos Opfer eines – bis heute allerdings nur wenig bis gar nicht im öffentlichen Bewusstsein verankerten – Genozids (Völkermord) zum Opfer gefallen sind.

PS

1) Indianerkriege = kriegerische-/militärische Auseinandersetzungen in den heutigen USA zwischen den europäischen Einwanderern und den indianischen Ureinwohnern vor und nach der "Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung" von 1783.

Von den round about einhundert Kriegen, Schlachten, Aufständen, Rebellionen, Feldzügen, Gefechten und Massakern gelten als die bekanntesten

  • die Schlacht von Mabila (1540),
  • das Jamestown-Massaker (1622),
  • der Pueblo-Aufstand (1680),
  • die Franzosen- und Indianerkriege (1754-1763),
  • die Texanischen-Indianerkriege (1821-1875),
  • der „Lange Marsch der Navajo“ und das Sand-Creek-Massaker an den Cheyenne (1864),
  • die Schlacht am Little Bighorn/Montana (1876)

in der dieses Mal allerdings das 7. US-Kavallerie-Regiment unter George Armstrong Custer von den Sioux, Arapaho und Cheyenne, u.a. mit den Häuptlingen Sitting Bull und Crazy Horse, vernichtend geschlagen wurde sowie – last but not least –

  • das Massaker von Wounded Knee (1890),

mit dem das berechtigte Aufbegehren der Indianer gegen den militärisch überlegenen „Weißen Mann“, der ihnen nur Vertreibung, Hunger, Tod und Ausrottung gebracht hatte, endgültig sein Ende fand.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ (Dee Brown – Knaur Taschenbuch Verlag)

 

 

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