Interregnum hin oder her – was geschah danach?

Eine ganze Menge. Wie so oft, wenn es den bestimmen wollenden Personen jener Jahre um Ruhm und Ehre ging, blieb die Zeit auch nach dem Interregnum nicht stehen.

Könige und Kurfürsten

Die ersten fünfunddreißig Jahre nach Beendigung der chaotischen Zustände im Reich, die  die Zeit des Interregnums mit sich gebracht hatten, wurden bestimmt von den römisch-deutschen Königen

  • Rudolf I. von Habsburg (König von 1273-1291),
  • Adolf I. von Nassau (König von 1292-1298) und
  • Albrecht I. von Habsburg (König von 1298-1308).

Alle drei waren während ihrer Herrschaftszeit vorrangig darum bemüht, ihre jeweilige Hausmacht zu mehren. Wobei sie sich vorrangig gegen die zunehmend immer stärker werdende Macht der Kurfürsten zu stellen hatten. Die nämlich, die Kurfürsten, waren sozusagen zu einer bedrohlichen Autorität im Kampf um Pfründe, um politischen Einfluss und um die Stärkung klerikaler Ansprüche geworden.

Um Ämter wurde geschachert, integriert, gemoppt und korrumpiert.

Kurz und gut

Es wurden Strippen gezogen und Fäden gesponnen, um möglichst den Kurfürsten genehme und (vermeintlich) schlicht im Gemüt und ihren Ambitionen wirkende Aspiranten auf den Königsthron zu hieven.

Heinrich VII., der Graf von Luxemburg wird König

So geschah das auch mit dem luxemburgischen Grafen Heinrich VII. (*um 1278/°1313).

Albrechts I. politischer Flirt mit dem Franzosenkönig Philipp IV., dem Schönen (*1268/°1314), gefiel den Kurfürsten so gar nicht. Wie meistens, bangten die Kirchenleute vermutlich auch jetzt um den Verlust ihrer – oft auch auf dubiose Art erworbenen – Einkommensquellen. Das heißt, sie fürchteten um ihre Latifundien links des Rheins.

Die Beklemmungen der Fürsten in dieser Frage erwiesen sich allerdings schon bald als obsolet.

Albrecht wurde 1308 gemeuchelt. Auf Durchreise. In der Schweiz. Von einer Handvoll Schweizer Adeliger unter Federführung des Herzogs von Österreich und Steyer Johann von Schwaben (*1290/°1313?), der, weil er der Neffe des Ermordeten war, mit dem Namenszusatz ‚Verwandtenmörder‘ in die Geschichte einging.

Wieder musste ein Nachfolger gefunden werden.

Und wieder kungelten die Kurfürsten einen Mann aus, von dem sie glaubten, ihn an der kurzen Leine halten zu können – nämlich den weiter oben bereits genannten Heinrich VII.

Es soll ein gewisser Balduin, Erzbischof von Trier (*1285/°1354), gewesen sein, der seinen Bruder Heinrich VII. dem kurfürstlichen Wahlausschuss vorgeschlagen hat. Dem Vorschlag des umtriebigen Balduin wurde entsprochen und Heinrich gegen ein nicht unerhebliches ‚Entgelt‘ (Schmiergeld) im Frühjahr 1308 in Frankfurt am Main zum König gewählt, 1309 in Aachen gekrönt und die nach wie vor bestehenden hochgesteckten Erwartungen des französischen Königs, Philipps IV., des Schönen, ad acta gelegt.

Heinrich VII. und Böhmen

Oh, bei Antritt seiner Amtszeit fatalerweise knapp bei Kasse, begann das Amt für ihn überraschenderweise dann doch ausgesprochen günstig. Ihm wurde der Thron Böhmens angeboten. Dort, in Böhmen, hatten sich die Adeligen seit der Ermordung König Wenzels III. (*1289/°1306) um die Nachfolge gestritten, kamen aber nicht recht zu Potte.

Bis das Hin und Her schließlich einer der rivalisierenden Gruppen bis Oberkante Unterlippe stand und sich an Heinrich wandte.

Der nahm das Angebot umgehend an, übergab das Königreich Böhmen seinem Sohn Johann von Luxemburg‚ dem Blinden‘ (*1296/°1346) und profitierte fortan vom wohlsituierten Böhmen.

Heinrich VII. wird König der Lombardei und Kaiser

Nun ausgestattet mit dem nötigen Kleingeld, wandte Heinrich sich Italien zu.

Er hatte vor, die nach dem Tod des Staufers Friedrich II. (*1194/°1250) verschütt gegangenen Reichsrechte wieder herzustellen. Und natürlich wollte er dringend Kaiser werden.

Also machte er sich 1310 auf den Weg gen Süden.

Obwohl von den Mailändern 1311 wohlwollend empfangen und zum König der Lombardei gekürt, sollte ihm das mit der Erneuerung der Reichsrechte nicht so recht gelingen. Das mochten die so genannten Guelfen (die Papsttreuen) nicht so gern. Und die Ghibellinen (die Kaiserfreundlichen) waren anscheinend nicht genügend zu motivieren.

Das mit der Kaiserwürde dagegen hat dann doch noch geklappt. Die Krönung fand im Frühsommer 1312 in Rom statt, wurde aber ganz unprätentiös – allerdings mit Billigung des ‚Nachfolgers Petri‘ – von drei Kardinälen vorgenommen.

Papst Clemens V. (*1250-1265?/°1314) saß derweil in Avignon. Und das bereits seit 1309. Wie auch immer. Heinrich VII. war nun Kaiser. Für ein gutes Jahr.

Im August 1313, auf dem Rückweg von Rom, verstarb er in Siena/Toskana. Wie es heißt, an Malaria.

Doppelt gemoppelt

Und wieder wurde es unübersichtlich, verworren und irritierend. Um Heinrichs Nachfolge stritten nun 

  • der Habsburger Friedrich der Schöne (*1289/°1330),
  • der Wittelsbacher Ludwig IV., der Bayer (*um 1284 herum/°1347) und
  • der Luxemburger Johann ‚der Blinde‘, König von Böhmen (*1296/°1346).

Johann wurde vom Komitee der Kurfürsten wegen seines jugendlichen Alters und somit unterstellter Unerfahrenheit ausgemustert; und wegen nachhaltiger Unentschiedenheit im Lager der Kurfürsten wurden sowohl Ludwig als auch Friedrich zum König gewählt und gekrönt. So nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Na ja ...

Dann gerieten Ludwig und Friedrich 1322 in der Schlacht bei Mühldorf am Inn (Oberbayern) aneinander.

Friedrich verlor, wurde eingesperrt und drei Jahre später (1325), auf Vorschlag Ludwigs, doch noch (Mit-)König. Allerdings mit stark eingeschränkter Wirkung. Er verstarb, möglicherweise entmutigt, niedergeschlagen und einsam nahe Wiener Neustadt/Niederösterreich. Ob eines natürlichen Todes oder doch an Gift, bleibt nach wie vor Spekulation.

Der obstinate Ludwig

Ludwig dagegen war – trotz anhaltender Zwistigkeiten mit dem französischen Papst Johannes XXII. (*etwa um 1245?/°1334) um Macht- und Territorialansprüche, Kirchenbann und Sakramentsverweigerung – inzwischen mit Unterstützung der ‚Ghibellinen‘ von staatlichen Amtsträgern (Beamten) und im Namen der römischen Bürger 1328 zum Kaiser erklärt worden.

Das ging, saß doch dieser machtbesessene Papst ohnehin in der selbstgewählten so genannten ‚Babylonischen Gefangenschaft der Päpste‘ in Avignon.

Aber, wie nicht anders zu erwarten, gingen die Feindseligkeiten und Kontroversen unverdrossen weiter.

Johannes giftete aus Avignon, belegte den von ihm nicht akzeptierten Kaiser erneut mit der Exkommunikation; Ludwig polemisierte zurück und ersetzte  Papst Johannes XXII. durch Nicolaus V. (*1270/°1333).

Aber dann – dumm gelaufen – beging Ludwig einen unverzeihlichen Fauxpas, als er die Stirn hatte eine Ehe zu scheiden und die Geschiedene anschließend mit seinem Sohn zu vermählen.

Das wirbelte Staub auf in der damaligen Gesellschaft im Allgemeinen und in der High Society im Besonderen.

Der Rauswurf und das Ende

Die Großkopferten aus dem Hause der Luxemburger und die Reichsfürsten wandten sich ab von Ludwig. Gemeinsam mit Papst Clemens VI. (*1290?/°1352) setzten sie ihn 1346 ohne viel Federlesens und ohne lange zu fackeln ab.

Ein Jahr später verstarb Ludwig. Man sagt, an einem Herzinfarkt auf der Jagd. Es kann aber auch ein Schlaganfall gewesen sein.

Egal. Inzwischen war Karl IV. (*1316/°1378) aus der Familie der Luxemburger römisch-deutscher König, der ab 1347 auch König von Böhmen und ab 1355 sowohl König von Italien als auch römisch-deutscher Kaiser wurde...

Autor: Manfred Zorn
Quellen: "Deutsche Geschichte für Dummies" (Christian v. Ditfurth/Wiley-VCH Verlag); "Deutsche Geschichte 1152-1378" (Bertelsmann Lexikon

 

 

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