Was haben die Erd- und Menschheitsgeschichte mit der Lebenszeit zu tun?

Was die Erd- und Menschheitsgeschichte mit der Lebenszeit zu tun hat? So ganz direkt eigentlich nur wenig bis nichts!

Ein Wimpernschlag

Die statistische Lebenserwartung liegt zurzeit (2017) bei rund 80 Jahren.

Und obwohl nicht auszuschließen ist, dass in naher Zukunft – unter anderem dank des medizinischen Fortschritts und trotz aller nicht vorhersehbaren Unwägbarkeiten – grundsätzlich eine realistische Lebenserwartung von 90 oder gar 100 Jahren zu erreichen sein wird, kann diese optimistische Annahme dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst 100 Jahre im Leben eines Menschen lediglich einen Wimpernschlag im Vergleich zu (je nach wissenschaftlicher Betrachtungsweise) etwa 4,44 bis 4,54 Milliarden Jahren Erd- sowie rund 5 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte darstellen.

Verdichtung

Sowohl die genannten Milliarden, als auch die 5 Millionen sind Werte, die das Vorstellungsvermögen in der Regel schon mal überfordern können.

Um diese gewaltige Zeitspanne einmal anschaulicher darzustellen, wurde – zum Beispiel – in der Time-Life-Reihe „Spektrum der Weltgeschichte“ die Entstehung und Entwicklung der Erd- und Menschheitsgeschichte auf die Zeitschiene eines einzigen Kalenderjahres heruntergebrochen.

Danach sähe das Jahr so aus:

  • Von Januar bis Juli hätte man jegliches Luft holen vergessen können. Es wäre schlicht nicht möglich gewesen zu atmen.
  • Dann, irgendwann im Oktober – „Sonnenlicht und Bakterien hatten für Sauerstoff gesorgt“ – tauchten „erste Organismen auf, 14 Tage später gefolgt von Fischen und nach weiteren 7 Tagen von Pflanzen“.
  • Das alles, einschließlich des Eintrudelns von „Insekten, Amphibien, Urwäldern und Reptilien“, muss sich bis in den Dezember hingezogen haben.
  • Denn erst etwa 15 Tage vor Jahresende stampften die Dinos über die Erde.
  • Einen Tag später, es blieben noch 14 Tage, zeigten sich die Säugetiere. Die blieben! Die Dinos dagegen verschwanden sang und klanglos 5 Tage vor Neujahr.

Und es kommt noch erstaunlicher! 

Nehmen wir – in weitestgehender Anlehnung an den Text im o. gen. „Spektrum der Weltgeschichte“ – an, dieses Jahr würde an einem Montag um 12 Uhr enden, dann gäbe es

  • die Affen seit dem vergangenen Freitagnachmittag,
  • der „südliche Affe aus Afrika“ (Australopithecus africanus), Typ Menschenaffe, hätte um 6 Uhr am heutigen Montagmorgen – bei allem wissenschaftlichen Vorbehalt – den aufrechten Gang geprobt und
  • der so genannte „moderne Mensch“ (Homo sapiens sapiens) wäre gerade erst vor 11 Minuten auf der Bildfläche erschienen,
  • hätte vor 1 Minute Ackerbau und Viehzucht als durchaus notwendige Beschäftigung entdeckt,
  • vor 20 Sekunden mit dem Städtebau begonnen – und
  • 1,5 Sekunden wären es her, dass die Delegierten der 13 englischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent die größtenteils vom dritten amerikanischen Präsidenten, Thomas Jefferson, verfasste amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 – die gleichzeitig den Ursprung der Vereinigten Staaten von Amerika darstellt – unterschrieben haben.

Wow!

Albert Einstein, Leo Tolstoi und Bertolt Brecht

Bei richtigem Verständnis der zeitlichen Festlegung auf einen Montag um 12 Uhr würde das doch heißen, eineinhalb Sekunden blieben für den unglaublichen Rest der Weltgeschichte von 1776 bis heute? Unvorstellbar!

Ist die Zeit, wie es Albert Einstein (*1879/°1955) einmal – möglicherweise scherzhaft – gesagt haben soll, wirklich nur an der Uhr abzulesen? Eineinhalb Sekunden!? Runde 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte!?

Oder, wie es Leo Tolstoi (*1828/°1910) auf den Punkt gebracht haben soll: "Heute! Hier! Jetzt!"? Egal!

Wie hat doch Bertolt Brecht (*1898/°1956) in seinem Theaterstück "Den guten Menschen von Sezuan" sagen lassen? (Zitat) "... wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen ..."

Autor:  Manfred Zorn
Quelle: Time-Life 1991 – Die Anfänge der Menschheit – Spektrum der Weltgeschichte: Urgeschichte – 3000 v. Chr. (Seite 18/19)

 

 

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