Warum wird das Mittelalter oft mit dem Begriff „dunkles Zeitalter“ bezeichnet?

Vielleicht deswegen, weil dabei überwiegend an Räuber, Wegelagerer, Ritter, Minnesänger, Kriege, die Pest, Hungersnöte sowie an ungehobelte, bildungsferne Menschen gedacht wird?

 

Grundstock

Nun, die erstmals im 14. Jahrhundert mit „Mittelalter“ bezeichnete gut neunhundertjährige Epoche zwischen dem Ende der Antike (-> etwa 6. Jahrhundert) und dem Beginn des Zeitalters der Renaissance (-> etwa Mitte des 15. Jahrhunderts), ist im Grunde genommen nicht wirklich finster zu nennen. Immerhin wurde während dieser Zeitspanne der geistige, kulturelle und politische Grundstock gelegt, der in seinen Auswirkungen bis ins heutige Europa reicht.

 

Sowohl als auch

Es war die Zeit der Merowinger, Karolinger, Kapetinger, Ottonen und Staufer, deren Kaiser unermüdlich und unverdrossen mit Päpsten, Fürsten und den erstarkenden Städten um die Vormachtstellung stritten, die Zeit des Feudalismus, in der die gesellschaftliche Hierarchie bestimmt wurde von der Abhängigkeit des jeweils niederen zum nächst höheren Stand (-> Ständeordnung), aber auch die Zeit, in der die Überlieferungen antiker Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Kultur - vor allem von schreibkundigen Mönchen - festgehalten wurden.

 

Entwicklung

Zunehmend boomte der Handel, verbesserte Verkehrswege wurden geschaffen, Banken, Universitäten, Parlamente entstanden und in den Städten etablierte sich der Stand der Bürger. Bereits bestehende Techniken wurden weiter mechanisiert, Baustile, wie Romanik und Gotik, entstanden, es wurde gedichtet und in der Musik entwickelten sich neue Ausdrucksformen.

 

Trotz allem

Trotz der ebenfalls allgegenwärtigen Schattenseiten - ständige militärische Auseinandersetzungen um Herrschaftsansprüche, Territorien, Glauben, Geld und Gut (-> u.a. Kreuzzüge, 100jähriger Krieg), Inquisition und Katastrophen (-> Pest) - begann Europa aus den feudalen Strukturen herauszuwachsen. Insbesondere in Frankreich, England und Spanien, wo bereits früh das Fundament moderner Nationalstaaten gelegt wurde.

 

Und Deutschland?

Deutschland dagegen gab es eigentlich nicht. Über lange Zeit gab es nur ein römisch-deutsches Reich, das aus einem Konglomerat verschiedenster Gegenden - z.B. Italien, Böhmen, Niederlande u.a.m. - bestand. Und dieses Konstrukt verharrte bis zur Reichsgründung 1871 in über die Jahrhunderte wechselnder Zusammensetzung in einer Vielzahl kleiner Territorialstaaten.

 

Fazit:

Das Zeitalter der Ritter, Kreuzzüge, mächtiger Könige und Kaiser sowie ambitionierter Päpste, ist ganz sicher nicht zwingend beschaulich zu nennen, keinesfalls aber finster!

Autor: Manfred Zorn

 

 

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