Wann und wie entstand die „russisch-orthodoxe Kirche“?

Mit der Missionierung durch Apostel Andreas (das war der Bruder des Apostels Simon Petrus), der auf seinen Reisen auch nach Kiew gekommen war, entstand in Russland schon früh eine tiefe Hinwendung zum Christentum. Aber erst, als gegen Ende des 10. Jh. Abgesandte des Großfürsten Wladimir I. von Kiew aus Byzanz zurückkamen und ihm rieten, das östliche orthodoxe Christentum anzunehmen, nahm der christliche Glaube im so genannten ‚Kiewer Rus‘ (ein Begriff, der allerdings erst im 19. Jh. geprägt wurde), langsam aber beständig an Fahrt auf.

'Kiewer Rus' und Wladimir I.

Zu jenem Zeitpunkt aber, also im ausgehenden 10. Jahrhundert, waren die heutigen Länder Russland, die Ukraine und Belarus (Weißrussland) noch ein altrussischer Herrschaftsverbund unter Führung des Fürstengeschlechts der aus Skandinavien stammenden ‚Rurikiden‘.

Und dort, in diesem großen, zusammenhängenden Landstrich (‚Kiewer Rus‘), saß, so ist nachzulesen, seit etwa 980 der Großfürst von Kiew, Wladimir I. (*um 956 oder 960 herum/°1015) an den Schalthebeln der Macht.

Ambitionen und Recherchen

Um seinen Machtbereich zu stabilisieren sowie seine Position aufzuwerten, suchte Wladimir dringend den Schulterschluss mit dem Byzantinischen Reich. Der Überlieferung nach soll der fürstliche Schürzenjäger, der, so heißt es, einen gewissen Verschleiß an Frauen, Zweitfrauen und Mätressen mit ebenso zahlreichen Kindern gehabt haben soll – wie schon gesagt – eine  in Religionsfragen fachkundige Abordnung nach Istanbul gesandt haben, die sich über das östliche orthodoxe Christentum schlau machen sollte.

Zurückgekehrt von ihrer Mission, schilderten die Gesandten dem Fürsten nicht nur die Ästhetik des orthodoxen Gottesdienstes in schillernden Farben, sondern drängten ihn geradezu, den orthodoxen Glauben auch für sein Land, die ‚Kiewer Rus‘/‘Rus(s)-Land‘, anzunehmen.

Eine Militäraktion und ein Versprechen

Und so geschah es. Allerdings nicht unmittelbar, sondern über den Umweg militärischer Unterstützung des byzantinischen Kaisers Basileios II. (*958/°1025) im Jahr 987 gegen die Bulgaren sowie dessen Versprechen, Wladimir – wenn dieser denn erfolgreich wäre – seine, also Basileios‘, Schwester, Anna von Byzanz (*963/°um 1012), zur Frau zu geben.

Nach der Niederschlagung der Bulgaren schien erst einmal alles in bester Ordnung. Dennoch zog sich die Einlösung dieses Versprechens, gegen die üblichen Gepflogenheiten verstoßend, über längere Zeit hin. Möglicherweise auch deshalb, weil Anna sich schlicht nicht verkuppeln lassen wollte.

Christianisierung als Mitgift – sozusagen

Wie auch immer es gewesen sein mag. Wladimir machte Druck. Und zwar, indem er die antike Stadt Chersones auf der Halbinsel Krim attackierte. Woraufhin der byzantinische Kaiser schließlich und endlich nachgab. Jedoch nicht ohne Einschränkung. Das heißt, Wladimir, so wurde ihm bedeutet, müsse sich taufen lassen – und sein Volk gleich mit. Selbstverständlich war Wladimir, mit der ihm willkommenen Aussicht, damit einen Fuß in die byzantinisch-kaiserliche Familie setzen zu können, einverstanden.

Die Hochzeit, die Taufe Wladimirs und die Christianisierung der so genannten ‚Kiewer Rus‘ fanden im Sommer des Jahres 988 statt.

Verbreitung und Brauchtum

Von den einen sofort, von anderen nur zögerlich angenommen, verbreitete sich der nach dieser Massentaufe von Byzanz fast unverändert übernommene orthodoxe Glaube über die folgenden Jahrhunderte unaufhaltsam zu bis heute etwa 300 Mio. Anhängern weltweit.

Zu diesem so gut wie eins zu eins angenommenen gottesdienstlichen Brauchtum gehören unter anderem:

  • die oft über Stunden stehend abgehaltenen Gottesdienste, also ohne jegliche Sitzmöglichkeiten in den Kirchen,
  • die Liturgie, deren wichtige Elemente Geburt, Kreuzigung und die Auferstehung Christi sind,
  • die niemals anzubetenden, sondern allenfalls als Mittler zwischen Gläubigem und Gott zu verehrenden Ikonen,
  • statt Instrumental- bestenfalls Vokalmusik

sowie auch äußerliche Attribute, wie zum Beispiel:

  • Gewänder der Geistlichen und Architektur.

Nur in einem Punkt unterscheiden sich die Glaubensrichtungen: Im Gegensatz zur byzantinischen Orthodoxie mit dem Gewicht auf der Göttlichkeit Christi, sehen russisch-orthodoxe Christen das Heil in der Befolgung der Lebensweise Jesu Christi – seiner Armut, Sanftmut und Liebe.

Die Protagonisten - was wurde aus ihnen?

Wladimir I., Großfürst von Kiew ließ Kirchen bauen, festigte seinen territorialen Einflussbereich, schwächte das Reich schlussendlich aber mit der Übergabe des einen oder anderen Landesteils an seine – immerhin – zwölf Söhne und verstarb im Sommer 1015 anlässlich einer Reise nach Nowgorod (heute: Weliki Nowgorod/Nordwestrussland).

Bereits drei, vier Jahre zuvor war seine Frau, Anna von Byzanz, verstorben. Darüber, ob Anna in ihrer Beziehung mit Wladimir je ‚glücklich‘ war, oder aus dieser Verbindung Kinder hervorgingen, schweigen sich die Chroniken aus.

Basileios II., byzantinischer Kaiser mit 62-jähriger Regierungszeit, verstarb 1025 in Konstantinopel (heute: Istanbul), überlebte seine Schwester Anna somit um 13/14 Jahre, Wladimir um 10 Jahre und gilt in der Geschichtsschreibung zwar durchaus als tüchtiger Schlachtenlenker, habe sich ansonsten aber nicht sonderlich hervorgetan.

Was bleibt?

Nun, bis heute gilt den Russen der 28. Juli als Jahres- und Feiertag der Einführung des orthodoxen Glaubens. Seit 2010 ist dieser ‚Tag der Taufe der Rus‘ in Russland auch von Amts wegen offizieller Gedenktag.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: ‚Zaren, Popen und Bojaren‘ (rororo: Das farbige Life Bildsachbuch)

 

 

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