Wann und wie kam Brüssel zur Europäischen Union?

Greift man ganz weit zurück, könnte man sagen, dass die Symbiose (griech.: „symbiosis“), also „das Zusammenleben“ zwischen der belgischen Hauptstadt Brüssel und der EU im weitesten Sinne bereits 1944 angefangen hat.

The first step is always the hardest

Denn noch vor dem Ende des 2. Weltkrieges setzten sich Mitglieder der Exilregierungen von Belgien, den Niederlanden und Luxemburg zusammen, um eine Zoll- und Wirtschaftsunion (Benelux) mit Sitz in Brüssel zu etablieren.

Womit der Status: „Brüssel, Hauptsitz der Europäischen Union“ allerdings noch nicht endgültig gegeben war.

In diese Rolle ist Brüssel – zentral in Europa gelegen und mit Flugzeug, Bahn und Auto in der Regel gut zu erreichen – sozusagen peu á peu hineingewachsen.

Montanunion

EU-mäßig hatte dann alles 1950/1951 mit dem französischen Außenminister Robert Schuman begonnen, der mit der Gründung einer europäischen Gemeinschaft für „Kohle und Stahl“ (Montanunion) – bestehend aus Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland, den drei Beneluxstaaten und Italien – den Startschuss für den Brückenschlag europäischer Länder gegeben hat.

Nägel mit Köpfen

Was folgte, war, dass Belgien die Dinge in die Hand nahm und nach und nach in der Hauptstadt den Bau von Behörden, Büros, Konferenz-, Tagungs- und Kongresszentren und Wohnungen für die EU-Beschäftigten vorantrieb. Irgendwann war an Brüssel nicht mehr vorbeizukommen.

Zunehmend wurde Europa von dort aus "verwaltet" – deutlich gemacht durch eine Reihe weiterer Verträge zur Verbesserung wirtschaftlicher Zusammenarbeit der inzwischen auf 28 europäische Mitgliedstaaten (nach dem beabsichtigten Ausstieg/Brexit des Vereingten Königreiches/GB nur noch 27) angewachsenen Europäischen Union.

Unter anderen:

  • 1957 – Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom),
  • 1967 – Zusammenschluss der Montanunion, EWG und Euratom zu Europäischen Gemeinschaft (EG),
  • 1968 – Zollunion,
  • 1978 – Beschluss eines europäischen Währungssystems (ECU),
  • 1992 – Vertrag von Maastricht mit der Gründung der Europäischen Union (EU),
  • 2002 – Einführung des Euro als offizielles Zahlungsmittel sowie
  • 2007 – Vertrag von Lissabon.

Heute gilt Brüssel zwar als wesentliches Verwaltungszentrum, als Hauptsitz der EU, teilt sich aber die institutionellen Einrichtungen mit Straßburg (Parlament) und Luxemburg (Europäischer Gerichtshof).

Friedenssicherung

Neben all diesen wirtschaftbezogenen Europa-Konzepten lag allerdings von Beginn an, und das mit voller Absicht, auch das Augenmerk auf einer dauerhaften Friedenssicherung und Versöhnung unter den europäischen Ländern. Ein Fakt, der innerhalb Europas – nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen – immerhin bis heute (2017) unschätzbare zweiundsiebzig Jahre Frieden, Entspannung und relative Eintracht gebracht hat.

"Holzauge, sei wachsam ..."

Dumm nur, dass diese positive Situation zunehmend in Gefahr zu geraten scheint.

Eine mit dem Begriff „postfaktisch“ umschriebene, also eine eher auf subjektivem Empfinden beruhende als auf objektiven Fakten/Tatsachen basierende Beurteilung politischen Handelns macht sich breit.

Diese von diffusem Frust getragene Stimmung derjenigen, die sich von „denen da oben“ in Stich gelassen fühlen, lässt sich gegenwärtig in weiten Teilen Europas beobachten – zum Beispiel in:

  • Großbritannien/UKIP und Brexit,
  • Österreich/FPÖ,
  • Ungarn/Fidesz (Ungarischer Bürgerbund),
  • Polen/PiS,
  • Frankreich/Front National,
  • den Niederlanden/Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit),
  • Deutschland/AfD

und der nach seiner Amtsübernahme am 17. Januar 2017 mehr oder weniger chaotisch, scheinbar planlos und persönlichkeitsgestört!? agierende

  • 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump (USA First).

Der gehört zwar nicht zu Europa, ist aber dennoch in seinem möglicherweise unterschwelligen Einfluss auf die genannten Bewegungen/Akteure trotz allem nicht zu unterschätzen.

Das Gespenst eines über den Atlantik getragenen – und nicht auszuschließenden – Keils geht um in Europa. Also, aufgepasst …!

Anmerkung

Symbiose – griech.: „symbiosis“; in der Biologie: Das Zusammenleben von Lebewesen verschiedener Art zu gegenseitigem Nutzen.

Autor: Manfred Zorn
Quelle: „Brüssel“ (Dumont Reisetaschenbuch), „Weltgeschichte“ (Wissen visuell/Knesebeck-Verlag)

 

 

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