Was war Karl der Große – Familienmensch oder Schürzenjäger?

Vermutlich beides, also sowohl als auch. Zumindest lässt Karls Biograf Einhard (*um 770/°840) diese Möglichkeit in seinem Werk „Vita Caroli Magni“ durchaus anklingen. Demnach war Karl der Große immerhin vier oder sogar fünf Mal verheiratet; hatte aber wohl nebenbei und zwischen seinen Ehen auch eine erkleckliche Anzahl vergnüglicher Stunden im Rahmen nichtehelicher Lebenspartnerschaften.

Karl, der Familienmensch

Wie auch immer. Letztlich soll ihm, Karl, die Familie außerordentlich wichtig gewesen sein. Es heißt, dass er sich, sofern seine Zeit es zuließ, ausgesprochen gern im Kreis seiner Familie aufhielt. Selbst auf seinen Feldzügen legte er großen Wert darauf, von seinen Angehörigen begleitet zu werden. Und, während die Söhne sich in militärischer Ausbildung sowie in ihnen irgendwann zugedachten Ämtern beweisen mussten, soll Karl seinen Töchtern ganz besonders liebevoll zugewandt und ausgesprochen tolerant gegenüber deren Liebesleben gewesen sein.

Karls Ehefrau Nr. 1

Nun, da gab es als erste  Himiltrud, von der allerdings so gut wie nichts bekannt ist. Außer, dass ein Sohn namens Pippin (der Bucklige; *etwa um 770/°811) sowie eine Tochter namens Amaudru aus dieser Verbindung hervorging.

Karls Ehefrau Nr. 2

Obwohl Karls zweite Ehefrau die Tochter des Langobardenkönigs Desiderius war, ist ihr tatsächlicher Name in den Annalen nicht festzustellen. Die Hochzeit mit dieser Dame wurde vermutlich von Karls Mutter Bertrada – wahrscheinlich aus politisch-strategischen Gründen – eingefädelt. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass Karl, trotz üppiger Mitgift, keinerlei besondere Zuneigung zu dieser angeblich von ihm als hässlich, spröde und plump empfunden Frau empfand, ja, sie sogar 771 verstoßen haben soll.

Karls Ehefrau Nr. 3

Das Blatt wendete sich dann mit seiner dritten Ehe. Hildegard (*etwa 757/°783), Tochter eines schwäbisch-alemannischen Grafen, gilt als Karls große Liebe. Die 771 geschlossene Verbindung mit ihr soll ausgesprochen glücklich gewesen sein. Hildegard begleitete ihren Ehemann auf (fast) jeder seiner Reisen, schenkte ihm neun Kinder in ungefähr zwölf Jahren und verstarb 783 – möglicherweise auch wegen dieser Geburtenhäufigkeit – mit sechsundzwanzig Jahren in Thionville im Nordosten Frankreichs. Die aus dieser ehelichen Gemeinschaft hervorgegangenen Kinder waren: Karl der Jüngere (*772 bis °811), Adelheid (im Alter von etwa einem Jahr verstorben), Rotrud (*775 bis °810), Pippin König von Italien (*777 bis °810), Ludwig I. der Fromme (*778 bis °840) und späterer Nachfolger Karl des Großen, Lothar (*778 bis °780 – Zwillingsbruder Ludwigs des Frommen), Berta (*779 bis °823), Gisela (*781 bis °814) und Hildegard (*782 bis °783).

Ein zwischenzeitiges Gspusi?

Nach dem Tod seiner geliebten Hildegard, scheint Karl – sozusagen zwischendurch – Trost bei einer gewissen Mahthild gefunden haben, von der allerdings ebenfalls nirgends verbrieft ist, ob sie wirklich so hieß. Bekannt dagegen zu sein scheint, dass ihm eine der Frauen aus Karls diversen Techtelmechtels – ob nun Mahthild oder nicht – ein Kind namens Hruodhaid „geschenkt“ hat.

Karls Ehefrau Nr. 4

Kurz darauf, auch Hildegards Beisetzung in der Abtei St. Arnulf in Metz lag noch nicht lange zurück, trat Fastrada (*etwa 765/°794), vermutlich aus einem thüringisch-mainfränkischen Adelshaus stammend, in sein Leben. Fastrada soll eine herausragend schöne und leidenschaftliche Frau gewesen sein. Dazu noch clever und mit allen Wassern gewaschen, hat sie wohl auch politisch tüchtig mitgemischt. Fastrada starb 794 – wahrscheinlich an einer Lungenentzündung.

Karls (möglicherweise) 5. Ehefrau

Wie so manches, was in grauer Vorzeit alles so geschehen sein soll, ist auch Karls fünfte Hochzeit mit Luitgard in den zur Verfügung stehenden Quellen nicht eindeutig als „regulär bzw. legitim“ zu belegen. Was heißt nun aber „regulär/legitim“ in diesem Zusammenhang? Nun, die im Mittelalter häufigste Ehegemeinschaft waren die Muntehen.

Was war das denn? Eine Muntehe?

Ehen, die zwischen adeligen Herrschaftshäusern aus finanziellen und/oder machtpolitischen Erwägungen heraus vereinbart wurden. Die beteiligten „Eheleute“ hatten dabei keinerlei Einspruchsrecht. Nach gegenseitiger Zuneigung, Verständnis oder gar so etwas wie Liebe zwischen den Brautleuten, wurde von den adeligen Vertragspartnern nicht gefragt. Gefühle wurden schlicht ignoriert. Es ging ausschließlich ums Geschäft. Basta!

Und was bedeutet Friedelehe?

Friedelehen wurden – im Gegensatz zur Muntehe – aus freien Stücken zwischen den Partnern geschlossen. Gegenseitige Liebe stand dabei im Vordergrund. Familien, Sippen oder Kirche hatten hier nichts zu melden – was den Kirchenleuten nicht gefiel und sie veranlasste, gegen die ihrer Meinung nach illegalen ehelichen Gemeinschaften vehement zu kämpfen.

Was nun Luitgards und Karls Lebenspartnerschaft angeht, ist es nach rund zwölfhundert Jahren eigentlich – sofern nicht ein geschichtlich-wissenschaftliches Interesse daran besteht – auch egal, ob die beiden nun eine kirchlich legitimierte Ehegemeinschaft führten, oder eben auch nicht. Traurig bleibt jedenfalls die Tatsache, dass die Verbindung kinderlos blieb und die als musisch, ausgezeichnete Jägerin sowie als tüchtige Verwalterin des häuslichen Umfeldes geschilderte Luitgard im Jahr 800 mit nur vierundzwanzig Jahren in Tours verstarb und im dortigen Kloster St. Martin bestattet wurde.

Und? Wie viele Kinder hatte Karl der Große?

Na ja, summa summarum werden Karl achtzehn Kinder nachgesagt. Ein neunzehntes Kind namens Roland, stammte aus der inzestuösen Beziehung zu seiner Schwester Adalhaid – worüber am Hof von den wenigen, die davon Kenntnis hatten, allerdings absolutes Schweigen verlangt wurde.

Zieht man nun die beiden Kinder aus der ersten Ehe mit Himiltrud (Pippin den Buckligen und Tochter Amaudru), die weiter oben genannten neun Nachkommen aus Karls dritter ehelichen Verbindung mit Hildegard und die beiden Töchter Theodrada sowie die mit etwa siebenundzwanzig Jahren verstorbene Hiltrud von den 18/19 vermuteten Sprösslingen ab, bleiben immerhin noch 5/6 Kids aus Karls amourösen Abenteuern aus dem reichhaltigen Angebot verschiedenster Nebenfrauen. Sei’s drum: 'Honi soit qui mal y pense' oder auch: ‚Ein Schelm, wer Böses dabei denkt(1)‘ …

PS:

(1) Dieser Spruch stammt, so sagt man, vom englischen König Edward III. (*1312/°1377); ist das Motto des ebenfalls von Edward III. gestifteten Hosenbandordens und gilt, also der Orden des 'blauen Hosenbands', als wichtigster Orden des Vereinigten Königreichs.

Autor: Manfred Zorn
Quellen: "Die Welt der Karolinger" (Pierre Riché/Reclam), "Karl der Große" (Thomas R. P. Mielke/Schneekluth)

 

 

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