Welchen Einfluss hatte die Kirche im Mittelalter auf Staat und Gesellschaft?

Voraus geschickt

Die Menschen des Mittelalters lebten, an heutigen Maßstäben gemessen, in einer überschaubaren Gesellschaft, die im Wesentlichen vom Adel, der Kirche und dem Bauernstand geprägt war. Die Regeln, die das persönliche und öffentliche Verhalten des jeweiligen Standesangehörigen festschrieben, schienen unabänderlich, Individualität des Einzelnen zweitrangig zu sein. Den berechtigten Ängsten vor Hungersnöten, Seuchen und/oder anderen Misslichkeiten des ohnehin beschwerlichen Alltags, begegneten die Menschen mit einer tiefen Religiosität.

 

Regeln, Drohung und Druck

Ein Umstand, den die Kirche geschickt zu nutzen wusste und Regeln (-> z.B. Gottesfürchtigkeit, Demut, Vergebung, Barmherzigkeit) vorgab, nach denen sich das Tun und Lassen der Bevölkerung zu orientieren hatte. Aber, obwohl die Kirche im einen oder anderen Fall durchaus auch Menschen aus sozialschwachen Gesellschaftsschichten die Chance auf Bildung bot, wurde andererseits bei Fehlverhalten auch gern mit dem Fegefeuer, dem Jüngsten Gericht und, etwa ab 1231, mit der durch Papst Gregor IX. (Papst von 1227 bis 1241) sanktionierten Inquisition gedroht und Druck auf die gläubigen Schäflein ausgeübt.

 

Kurz und gut

Bedingt durch den Eingriff der Kirche in fast jeden Lebensbereich der Bevölkerung und die Beeinflussung der Menschen in Bezug auf Wertvorstellungen und Denken nach ihrem Gusto, festigte die Institution Kirche routiniert ihre Machtstellung im Reich.

 

Ursache und Wirkung

Deren Ursprung lag bereits in der so genannten „Pippinischen Schenkung“ von 754, mit der die Kirche - im Gegenzug zur Unterstützung Pippins III. dem Jüngeren (*714/°768) bei dessen Königswahl - Ländereien erhielt, die die Basis des späteren Kirchenstaates (-> Vatikanstaates) bildeten. Das damit verknüpfte Vorrecht der Kirche zur Verleihung des Königs- und Kaisertitels (-> der Bischof salbte den König, der Papst krönte den Kaiser), sollte sich im weiteren Verlauf des Mittelalters als wirkungsvolles, machtpolitisches Instrument gegenüber ihren weltlichen Gegenspielern erweisen.

 

Gegenmaßnahmen

Allerdings nicht immer zur Freude der amtierenden Herrscher, die zwar einerseits stets bemüht sein mussten, zur Erreichung ihrer Königs- bzw. Kaiserwürde für gut Wetter bei den Päpsten zu sorgen, andererseits aber auch nicht vor verbalen oder gar militärischen Auseinandersetzungen um Vormachtstellung, Privilegien und Territorien Halt zu machen gedachten. Und da gab es viel zu tun, hatten doch die Könige und Kaiser des Mittelalters mit einer unglaublichen Anzahl oberster Vertreter des „Heiligen Stuhls“ zu kämpfen.

 

Zum Vergleich

In der  Zeit ab

  • Karl dem Großen (-> König ab 768; Kaiser ab 800) bis zu
  • Friedrich III. (-> König ab 1440; ab 1452 bis zu seinem Tod 1493 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches),

standen den etwa sieben- bis achtunddreißig amtierenden römisch-deutschen Königen und Kaisern während diesen Zeitraums, grob gerechnet, einhundertsiebenundfünfzig - den Streit ebenfalls nicht scheuenden - Päpste und Gegenpäpste gegenüber.
Obwohl nicht alle Protagonisten dieser Betrachtung über einen Kamm zu scheren sind, ziehen sich die Querelen beider rivalisierenden Gruppen um Macht und Einfluss trotzdem wie ein roter Faden durch das Mittelalter …

Autor: Manfred Zorn

 

 

Google-Anzeige Google-Anzeige Google-Anzeige